Nadine Sasse
1. SPS Mitte (L)
27.05.1997
Klasse 4


Planung einer Unterrichtsstunde im vorfachlichen Unterricht
- Lernbereiche Deutsch/MÄERZ - Klasse 4 -
Auseinandersetzung mit dem Gedicht "Das Wassertröpflein" (Goethe)


1. Planungszusammenhang

1.1. Thema der Unterrichtseinheit: "Lyrik kreativ: Handelnder Umgang mit Gedichten"

1.2. Gliederung der Unterrrichteinheit

1. Stunde:
- Kennenlernen des Gedichtes "Das Wassertröpflein" (Erfassen von Inhalt und Aufbau)
- Vorstellung verschiedener Zugriffsweisen zum Gedicht, sowie gemeinsame Erarbeitung von Möglichkeiten zum handelnden und kreativen Umgang mit dem Gedicht (Plakaterstellung)

2. Stunde:
- Aktive Auseinandersetzung mit dem Gedicht "Das Wassertröpflein" durch Transformation in verschiedene Medien (optisch akustisch. motorisch). in arbeitsteiligen Gruppen

3. Stunde:
- Eventuelle Fortsetzung der arbeitsteiligen Gruppenarbeit
- Einzelpräsentation der Gruppenergebnisse und Feedback durch die Mitschüler
- Einübung einer Gesamtaufführung und Aufzeichnung auf Video
- kritische Reflexion der eigenen Arbeit anhand der Videoaufzeichnung

4. Stunde:
-"Gruselett" (Christian Morgenstern)
- "Übersetzen" des Textes Erschließung des Gedichtes und Erfassen der Wirkung von Vokalen und Konsonanten durch Sprechen, Spielen sowie Geräuschuntermalung. -Individuelle weitere Verarbeitung des Textes durch Bildnerische, typographische oder kreativ-schreibende Umsetzung.

5. Stunde:
- Vorstellung der Ergebnisse zum Gedicht "Gruselett" sowie deren Ausstellung im Schulgebäude

2. Begründung der Stoffauswahl

2.1. Rahmenplanbezug

Der Berliner Rahmenplan führt drei didaktische Prinzipien des Lesens in der Grundschule an, die in besonderem Maße für den Umgang mit Gedichten und für die geplante Unterrichtseinheit von Bedeutung sein sollen:

"Die Bedeutung eines Textes ist produktiv-schöpferisch zu erschließen, indem die Schüler:

Die Behandlung von Gedichten ist von der ersten Klasse an durchgehend explizit im Rahmenplan aufgeführt und ist als ein ästhetischer Lernprozeß sehen. In Klasse 4 sieht der Rahmenplan (S.91/92) im Bereich Lesen vor: - Texte in gebundener Sprache aufzugreifen, - Freude an Gedichten zu fördern, - ein sinngestaltetes Vorlesen und Vortragen zu üben, - mindestens zwei Gedichte pro Schulhalbjahr auswendig zu lernen -Gedichte unter inhaltlichen Aspekten zu erschließen, sowie - eigene Reimversuche der Kinder zu ermöglichen.

Als Hinweis zur Unterrichtsgestaltung wird die Verknüpfung mit anderen Teilbereichen des Deutschunterrichts, dem Prinzip des verbundenen Sprachunterrichts folgend, verwiesen (Spracherziehung, Schreiben). Ebenso sollten fächerübergreifende Komponenten, wie z.B. Illustration, Verzierung (Kunst), Vertonung (Musik) und Darstellendes Spiel bei der Behandlung von Gedichten miteinbezogen werden.

2.2. Bezug zu schulinternen Arbeitsplänen

Die Schüler setzen sich zur Zeit sowohl im Sachkundeunterricht, als auch im Musikunterricht mit der Thematik "Wasser" auseinander. (Sachkunde: Wasserkreislauf, Trink- und Abwasser, Musikunterricht: "Die Moldau" von F. Smetana)

Im Hinblick auf die Forderung, im vorfachlichen Unterricht unterschiedliche Lernbereiche thematisch sinnvoll miteinander zu verknüpfen, um den Schülern das "Lernen im Zusammenhang" zu ermöglichen, scheint mir die Wahl des Gedichtes "Das Wassertröpflein" von J. W. Goethe äußerst geeignet.

Zum einen thematisiert es auf poetische Weise den Kreislauf des Wassers und regt zum Nachdenken über den Begriff 'Wasser’ - als lebensspendenden Element - an, zum anderen eignet es sich meiner Meinung nach, durch die Bildhaftigkeit seiner Sprache, besonders gut für einen handelnden und kreativen Umgang, was den Mittelpunkt der Unterrichtseinheit darstellt.

Da die Schüler bereits für diese Thematik sensibilisiert sind, wird es ihnen meiner Ansicht nach daher nicht Er fallen, einen persönlichen Bezug zum Gedicht aufzubauen. Durch den kreativen und handelnden Umgang mit dem Gedicht erfahren die Schüler die ästhetische Dimension der Thematik "Wasser".

3. Sachdarstellung

3.1. Kreativer und handlungsorientierter Unterricht lyrischen Texten

Beim kreativen und handlungsorientierten Umgang mit Gedichten - wie mit Texten überhaupt - handelt es sich um eine Form der sprachlich reflektierenden Auseinandersetzung, die als Alternative und sinnvolle Ergänzung zur häufig praktizierten Texterschließung und -analyse im Unterrichtsgespräch zu sehen ist. Dieser Ansatz basiert auf der Erkenntnis, daß rezeptive Lernformen nicht den unterschiedlichen Lernstrategien der Schüler einer Klasse gerecht werden. Kinder, die sich Textinhalte eher rezeptiv und in der verbal-kognitiven Analyse aneignen, mag Methode zwar entgegenkommen, sie geht aber kaum auf die Kinder ein, die zu handlungsorientierten, emotionalen Aneignungsformen neigen und einer individuelleren Textauseinandersetzung bedürfen.

Beim produktiv handelnden Umgang mit Literatur findet ganzheitliches Lernen mit Kopf, Herz und Hand statt. Gerade lyrische Texte eignen sich für diesen ganzheitlichen Zugriff, weil sie von den Elementen Rhythmus, Klang und Bild leben und meist eine emotionale Lesehaltung intendieren.

Dadurch, daß ein kreativer und handelnder Umgang mit Gedichten für die meisten Schüler motivierender und individuell bedeutungsvoller wird, lernen sie Gedichte intensiver kennen und behalten sie besser.

Dementsprechend sollten Kinder Gedichtinhalte handelnd nachvollziehen, selbständig Gedichte ergänzen, umgestalten oder inszenieren. Auf diese Weise gewinnen sie ein "handwerkliches" Verhältnis zur Literatur, sehen sich angehalten, genau zu lesen oder zu hören und können ihre eigenen Vorstellungen einbringen.

Beim handlungsorientierten Umgang mit Gedichten liegt der Schwerpunkt auf dem bildlich-illustrativen, musikalischen, darstellenden oder spielenden Umgang mit dem Text.

Der Begriff "kreativ" meint dagegen das selbständige Erzeugen von Texten bzw. Textteilen oder Textvarianten. Zwei Beispiele:

Doch auch bei diesen Zugangsformen ist man mit Texten und über Texte im Gespräch. Daher sollten sich handelnder Umgang und reflektierende Analyse abwechseln und im Sinne eines Lernprozesses aufeinander aufbauen.

3.2. J. W. Goethe "Das Wassertröpflein"

Das aus acht Zeilen bestehende kurze Gedicht behandelt auf eindrucksvolle Weise den Kreislauf des Wassers, wobei die gesamte Aufmerksamkeit auf das Einzelelement, das "Wassertröpflein" gerichtet ist. Das Gedicht beschreibt, wie aus einem zunächst unbedeutend wirkenden Wassertröpflein eine immer größere Wassermenge heranwächst (Quelle, Bach, Strom, Meer) und wie diese durch die Vereinigung von Einzelelementen zu einem Ganzen immer mehr Kraft und Stärke erhält (Blümchen netzen, in Quellen weiterwallen, die Mühle schlagen, Schiffe tragen). Diese inhaltliche Aussage wird durch stilistische Mittel unterstützt, indem zu Beginn der Kreuzreim das Gedicht langsam und ruhig erscheinen läßt und mit dem darauffolgenden Paarreim eine Verstärkung und Beschleunigung des Lesens bzw. Sprechens erzeugt wird. Am Höhepunkt des Gedichts erfolgt dann eine abrupter Abfall, sogar eine Pause, durch den Gebrauch einer rhetorischen Frage, die wieder auf den Ursprung der entstandenen, riesigen Wassermenge zurückführt, auf das kleine Wassertröpflein, und somit den Kreislauf schließt. Denn ohne das einzelne Element könnte ein "großes Ganzes" nicht entstehen.

Diese inhaltliche Feststellung stimmt nachdenklich und läßt durch die Wahl des stilistischen Mittels das Gedicht zum Abschluß weder ruhig und langsam erscheinen. Neben dem beschriebenen Weg des Wassertröpfleins, wird ebenso die Aufgabe des Wassers für Vegetation ("Blümchen"), Tier ("Fischlein") und Mensch ("Mühle", "Schiffe") beschrieben, die ebenso nicht existieren könnten, 'Wenn nicht erst das Tropflein wäre".

4. Unterrichtsvoraussetzungen

4.1. Gruppensituation

Die Klasse 4 besteht aus 28 Schülern im Alter von zehn und elf Jahren. Eine Schülerin A. ist Zwölf Jahre alt, da sie die zweite Klasse wiederholen mußte. Die Klasse wird im Vorfachlichen Unterricht von vier Lehrerinnen betreut. Die Klassenlehrerin, Frau R., unterrichtet in den Lernbereichen Deutsch, Sachkunde und Kunst, während die Bereiche Musik, Sport und Mathematik von anderen Kollegen der Schule unterrichtet werden. Die Schüler kommen alle aus dem Einzugsbereich der Schule, dem Bezirk Mitte. zwölf Kinder besuchen nach dem Unterricht bis 16 Uhr den Hort, der sich in der Schule befindet. Drei Schüler leben nur mit einem Elternteil zusammen. Die Schülerin A. kommt aus einem zerrütteten Elternhaus und ist des öfteren krank, bzw. fehlt, da sie ihr kleineres Geschwisterkind betreuen muß. Trotz anfänglicher Schwierigkeiten, sich in den Klassenverband einzugliedern, ist sie nun ein voll integriertes Mitglied der Gruppe. Die Klasse 4 besitzt ein relativ gutes Gruppengefüge, es gibt keine Außenseiter. Zwei Schüler (M. und E.) fallen jedoch des öfteren durch Hyperaktivität im Schulalltag negativ auf, da sie ihre Sitznachbarn vom Unterrichtsgeschehen ablenken. Sie werden von den Mitschülern deshalb oftmals zur Ruhe ermahnt. Die Disziplin der Klasse läßt sich ansonsten als gut bezeichnen.

4.2. Allgemeine Lernvoraussetzungen

Die Schüler der Klasse 4 sind dem Unterrichtsgeschehen gegenüber aufgeschlossen, generell herrscht eine positive Lernatmosphäre. Es besteht überwiegend ein Interesse an den Unterrichtsinhalten und Themen. Die Schüler haben ein Uhr großes Interesse an einem handlungs- und erlebnisorientierten Unterricht. Sie sind gern kreativ und selbst tätig und bringen dann sehr erfreuliche Ergebnisse zustande. Die Klasse kennt die unterschiedlichen Arbeits- und Sozialformen wie, Partner-, Einzel- und Gruppenarbeit, hat aber noch Schwierigkeiten in diesen Formen (insbesondere bei der Gruppenarbeit) effektiv und selbstorganisiert zu arbeiten. Überwiegend wird jedoch frontal unterrichtet. Die Masse bildet keine homogene Lern- bzw. Leistungsgruppe. Während sich leistungsstärkere Schüler (vor allem Mädchen) mit regem Interesse durchgehend am Unterrichtsgeschehen beteiligen, variiert das Leistungsvermögen der Übrigen abhängig von den Unterrichtsinhalten und der Tagesform.

Leistungsschwächere (v.a. drei Jungen E., M., W. und zwei Mädchen A., G.) haben manchmal Schwierigkeiten mitzudenken einfache Sachverhalte nachzuvollziehen, was auf ihr geringes Konzentrationsvermögen zurückzuführen ist.

Insgesamt gehören ungefähr fünfzehn Schüler zum oberen Leistungsniveau der Klasse. Fünf Schüler (die oben genannten) nehmen regelmäßig am Förderunterricht teil. Eine Differenzierung im Unterricht ist oftmals jedoch nur in Mathematik 2 unumgänglich.

4.3. Sachstruktureller Entwicklungstand / Lernvoraussetzungen in Bezug auf den Unterrichtsgegenstand

Es bestehen in der Klasse individuelle Unterschiede hinsichtlich Arbeitstempo, Rechtschreibung und Lesefertigkeit. Die Schüler zeigen zwar eine hohe Bereitschaft zum Lernen, allerdings bereitet es ihnen noch Schwierigkeiten, sich beharrlich auf einen Lerngegenstand zu konzentrieren. E., M. und G. haben Schwierigkeiten, Sätze sinnerfassend zu lesen. Das Verfassen von eigenen Texten stellt v.a. E., M., G. und A. vor große Probleme. Auch mit der Bestimmung von Wortarten haben einige Schüler Schwierigkeiten, was sich negativ auf ihre Rechtschreibleistungen auswirkt.

Die Schüler lernen bis zu sechs Gedichte im Schuljahr auswendig. Die Zugriffsweisen der Texterschließung umfaßt bisher hauptsächlich die Analyse (Aufbau, sprachliche Fond), die Interpretation (Inhalt), sowie das sinngestaltende Vorlesen und das auswendige Vortragen eines Gedichtes. Auch die Bildnerische Gestaltung zu Gedichten ist ihnen bekannt. Der kreative und handelnde Umgang mit Gedichten in Form der musikalischen, schriftgestalterischen Auseinandersetzung mit dem Text, Sowie das sinngestaltende Sprechen in Verbindung mit Bewegung ist ihnen bisher unbekannt.

4.4. situativ-organisatorische Bedingungen

Der Klassenraum der 4 ist sehr klein, so daß die 28 Schüler sehr eng beieinander sitzen. Prinzipiell ist eine Aufstellung von Gruppentischen aus Platzgründen nicht möglich. Trotzdem ist den Schülern die Sozialform bekannt und kann in einzelnen Stunden effektiv genutzt werden. Bei kreativer Betätigung, bei denen die Schüler mehr Plan zum Agieren benötigen, wird deshalb der Flur oftmals zum Arbeiten mit einbezogen. Das Arbeiten bei offener Klassentür sind die Schüler v.a. in den Sommermonaten gewöhnt, da sich dann die Klassenräume extrem aufheizen, und ohne einen geringen Luftzug das Lehren und Lernen sehr beschwerlich sein würde. Dadurch, daß in der Klasse bereits vor mir eine Referendarin tätig wer, wurden des Öfteren, in Zusammenarbeit mit der Klassenlehrerin und nach Absprache mit anderen Kollegen, leerstehende Nebenklassen für das Arbeiten in arbeitsteiligen Gruppen genutzt.

Im Klassenraum selbst findet sich vielfältiges Beschäftigungsmaterial (Bücher, Spiele,...), welche sich die Schüler nach Beendigung ihrer Arbeit nehmen können. Ebenso sind die Wände der Klasse mit Arbeiten der Schüler geschmückt. Verschiedene Pflanzen, welche die Schüler pflegen, geben dem Klassenraum eine Atmosphäre, in der sie sich wohlfühlen und die sich positiv auf das Lehren und Lernen auswirkt.

5. Didaktische Reduktion

Nachdem in der vorausgegangenen Stunde der Inhalt und Aufbau des Gedichtes besprochen und mit den Kindern Möglichkeiten zum handelnden und kreativen Umgang mit dem Gedicht erarbeitet wurden, steht im Mittelpunkt dieser, sowie der darauffolgenden Stunde die Umsetzung des zuvor Erarbeiteten in die Praxis, d.h. die aktive Auseinandersetzung mit dem Gedicht durch Transformation in Verbhirne Medien (optisch, akustisch, motorisch). Dabei konnten die Schüler im Vorfeld gemäß eigener Interessenlage entscheiden, ob sie das Gedicht: - mit Musik verklanglichen - mit Bildern zeichnerisch darstellen - mit Schrift gestalten oder - mit Sprache und Bewegung ausdrücken.

Durch das Angebot unterschiedlicher Zugriffsweisen und der individuellen Wahlmöglichkeit der Betätigung, werden die verschiedenen Lerntypen der Klasse berücksichtigt. Zugleich wird somit der Forderung nach Differenzierung im Unterricht nachgegangen. Die Transformation in vier verschiedene Medien soll zwar phantasievoll, trotzdem jedoch, textgebunden erfolgen. Somit liegt ein weiterer Schwerpunkt im Teilbereich des mündlichen Sprachgebrauchs, sowie des Lesens, denn die Kinder müssen während der Gruppenarbeit immer wieder im Text nachlesen, um diesen sinnvoll gestalten zu können.

6. Lernziele

6.1. Intentionen zur Unterrichtseinheit

In dieser Unterrichtseinheit sollen sich die Schüler auf kognitiver, affektiver und psychomotorischer Ebene mit Gedichten auseinandersetzen und ein Repertoire an möglichen Formen des Umgangs mit Gedichten erwerben, indem sie diese:

und somit:

6.2. Stundenziele

Die Schüler setzen ihre selbständig erarbeiteten Überlegungen zum kreativen und handelnden Umgang mit dem Gedicht "Das Wassertröpflein" aktiv um, indem sie in arbeitsteiligen Gruppen das Gedicht: - mit Instrumenten verklanglichen - mit Bildern darstellen - mit Sprache und Bewegung ausdrücken, oder - mit Schrift gestalten und somit das Gedicht auf individuelle Art und Weise interpretieren.

7. Didaktisch-methodiische Entscheidungen

7.1. Lernbedeutsamkeit des Unterrichtsgegenstandes

Die aktive Auseinandersetzung mit dem Gedicht "Das Wassertröpflein" von J. W. v. Goethe, sehe ich als exemplarisch an, um den Schülern zu verdeutlichen, daß ein Gedicht mehr als nur ein aus Reimen bestehender Text ist. Ein Gedicht ist wiedererlebbar und enthält neben Gedanken zum Sachverhalt und Emotionen, die für den Rezipienten individuell reproduzierbar sind und ihn berühren können, Klang, Rhythmus und Bilder, die zum eigenen Handeln auffordern. Im Sinne von Reichgeld sollen Kinder Gedichte nicht nur stur auswendig lernen, sondern sie wirklich verinnerlichen, damit sie zum geistigen Besitz werden, den sie niemals nutzlos mit sich herumtragen. In Verbindung mit sinngestaltendem Sprechen, mit Bildern, Bewegung und Musik führt Auswendiglernen zu einem tieferen Durchdringen und zum Erfassen der ästhetischen Dimension eines Gedichts. Ein individueller Bezug wird hergestellt und der Text somit zum dauerhaften Besitz des Kindes. Solche Erfahrungen erweitern und sensibilisieren das Sehen und Fühlen und entwickeln ebenso Sprache und Denken weiter. Zum Einprägen und Erfassen der ästhetischen Dimensionen des Gedichtes wurden folgende Textumgangsformen gewählt:

1. Bildnerische Darstellung

Lesen eines Textes läßt innere Bilder entstehen, die zum einen helfen, das Wesentliche zu erfassen, einen Text zu gliedern und in seiner Struktur zu verstehen, und zum anderen aber auch über den Text hinaus führen können.

Zu Texten malen ist eine elementare Ausdrucksform von Grundschulkindern, durch die sie sich mit Texten individuell auseinandersetzen können

Durch die entstandenen Bilder wird optisch, als auch vom Sinn her eine Lernhilfe geboten.

2. Musizieren

Musizieren gehört, wie Singen und Tanzen zu den elementaren Ausdrucksformen des Menschen. Zu allen Zeiten und in allen Kulturen haben Menschen ihrem Erleben und ihren Gefühlen dadurch Ausdruck verliehen. Besonders Kinder wenden sie spontan an. Das Umsetzen des Textes in Rhythmus, Geräusche, Klänge eröffnet einen neuen Zugang zum Textverständnis und erleichtert Kindern die einfühlende Interpretation.

3. Schriftgestaltung

Die schreibgestalterische Umsetzung den Textes läßt Kinder Schrift nicht nur als ein reines Übertragungsmittel von Mitteilungen, sondern auch als selbständiges ästhetisches Ausdrucksmittel erfahren. Mit Hilfe von Farbe und Schriftstärke, von Raumaufteilung, Schriftgröße, Schriftart und der Veränderung von "Bildwörtern" (Ideogramme) kann zwischen sprachlichem Ausdruck und Bedeutung visuell vermittelt werden. Die Bedeutung wird durch Hilfe dieser Mittel zusätzlich visuell sichtbar gemacht und dabei gleichzeitig in ihrem Aussagewert interpretiert.

4. Sinngestaltendes Sprechen in Verbindung mit Bewegung

- Durch das Verbinden des Textes mit Beugungen, Gestik und Mimik, die parallel zum Sprechen ausgeführt werden, wird den Kindern die Möglichkeit gegeben, sich das Gedicht motorisch anzueignen. Die Umsetzung führt zu einem persönlichen Erleben des Textes und stellt eine individuelle Interpretation dar. Zusätzlich hin die ganzkörperliche Darstellung bei der Erarbeitung von Pausen, Betonungen und Lautstärken und unterstützt somit das Einüben eines sinnbetonten, gut artikulierten und dynamischen Vortrages. Auf diese Weise wird eine praktische Analyse des Textes geleistet.

7.2. Methodisch-didaktische Grundkonzeption des Unterrichtsvorhabens

Wie bereits unter Punkt 5 erläutert, ist der Mittelpunkt der Stunde die aktive Auseinandersetzung mit dem Gedicht "Das Wassertröpflein" von J. W. Goethe, in arbeitsteiligen Gruppen. Die Schüler widmen sich hierbei, ihren Neigungen entsprechend, jeweils einer von vier unterschiedlichen Zugriffsweisen zum Gedicht. Da es sich bei diesem Unterrichtsvorhaben um eine Art Projekt handelt, was mehrere Stunden umfaßt, sehe ich mich veranlaßt, sowohl einen Rückblick auf die vorherige, als auch einen Ausblick auf die folgende Stunde darzulegen, bevor Ausführungen zu dieser Stunde getätigt werden. Da die Schüler erstmalig mit kreativ handelnden Umgangstonnen der Gedichterschließung konfrontiert werden, und somit vor einem völlig neuen Aufgabenfeld stehen, wurden in der vorherigen Stunde unterschiedliche Zugriffsweisen zum Gedicht, sowie mögliche Vorgehensweisen der aktiven Auseinandersetzung mit dem Gedicht gemeinsam erarbeitet und auf vier Plakaten stichpunktartig festgehalten. Diese theoretische Vorarbeit mit Hinweisen und Unterstützung des Lehrers wurden nach Anraten der Klassenlehrerin unternommen, um einerseits unreflektiertem Agieren vorzubeugen und andererseits die Kinder bei ihrer ersten praktischen Auseinandersetzung nicht zu überfordern und somit ein Erfolgserlebnis für jeden zu gewährleisten.

Im Hinblick auf das geplante Zusammenführen der einzelnen Gruppenergebnisse zu einer Gesamtaufführung mit Videoaufzeichnung in der darauffolgenden Stunde, (bei der das Gedicht mit Schrift als großes "Schmuckblatt" gestaltet an der Tafel angebracht wird und dieses dann gleichzeitig sinngestaltend gesprochen, in Bewegung umgesetzt, verklanglicht und mit Bildern illustriert wird) erscheinen mir aus koordinationstechnischen und organisatorischen Gründen mehr als vier produktive Zugriffsweisen zum Gedicht nicht sinnvoll. Die einzelnen Gruppen sind daher jedoch sehr groß (3 x 8 Schüler und 1 x 4 Schüler). Um Schwierigkeiten bzw. Streitigkeiten der Gruppenmitglieder bei der Aufteilung der Arbeit zu unterbinden, wurden bereits im Vorfeld gemeinsam mit der Klassenlehrerin und den Schülern die acht Gedichtzeilen innerhalb der vier Gruppen auf einzelne Schüler aufgeteilt. Jeder Schüler ist somit für eine Zeile verantwortlich und dadurch angehalten, sich Gedanken zur Umsetzung zu machen. Diese Überlegungen werden mit den übrigen Gruppenmitgliedern besprochen und aufeinander abgestimmt, um zu einem Gesamtergebnis zu gelangen. Hiermit soll gewährleistet werden, daß sich wirklich alle Schüler am gemeinsamen Entstehen des Gruppenergebnisses beteiligen.

8. Verlaufsplanung der Stunde

In der Einstiegsphase wird das geplante Vorhaben mit Hilfe der vier an der Tafel angebrachten Plakate von einzelnen Gruppenmitgliedern erläutert und gegebenenfalls von Mitschülern durch weitere Ideen ergänzt. Durch das Anbringen der Plakate an der Tafel ist die Aufmerksamkeit zunächst nach vorn gerichtet. Es werden sowohl der optische, als auch der akustische Sinn angesprochen, was die Rückbesinnung bzw. das erneute Einprägen des geplanten Vorhabens erleichtert. Das gemeinsame Klassengespräch zu Beginn der Stunde erachte ich v.a. deshalb als sinnvoll, da sich die Schüler in Gruppen ja nur jeweils einer von vier Textumgangsformen widmen, insgesamt jedoch ein vielfältiges Repertoire an möglichen Formen das Umgangs mit Gedichten erwerben sollen. Durch den gewonnenen Einblick in das Vorhaben der anderen Gruppen wird den Schülern somit die kritische Stellungnahme in der anschließenden Präsentationsphase der Ergebnisse erleichtert. In der darauffolgenden Erarbeitungsphase setzen die Schüler in arbeitsteiligen Gruppen nun ihre angestellten Vorüberlegungen praktisch um. Dabei wird sowohl der Klassenraum, als auch der Flur sowie ein leerstehender Klassenraum zum Arbeiten genutzt. Die Schüler erhalten neben dem Gedichttext, in der ihre zu bearbeitende Zeile Kennzeichnet ist ein Arbeitsblatt auf dem neben der Aufgabenstellung die gleichen Hinweise wie auf den Plakaten aufgelistet sind (siehe Anlage).

Gruppentätigkeiten:

- Die Gruppenmitglieder, die das Gedicht mit "selbsterstellten Musikinstrumenten"(Gegenständen) verklanglichen, probieren die verschiedenen Klangvarianten aus, ordnen sie den acht Gedichtzeilen zu und üben das aufeinander abgestimmte Vortragen mit Musikuntermalung.

Diese erfolgt entweder zum Sprechen des Textes oder aber in den Sprechpausen des Gedichtvortrages. Dabei nehmen sie ihre Versuche gegebenenfalls auf Tonband auf.

- Die Gruppenmitglieder, die das Gedicht mit Schrift gestalten, erhalten jeweils einen Papierstreifen, auf dem sie "ihre Zeile" mit phantasievollen Schriftvariationen aufschreiben. Im Anschluß wird das Gedicht richtig zusammengesetzt, auf einen großen Papierbogen geklebt und das gemeinsame Vortragen geübt, indem die Schüler nacheinander ihre Zeilen vortragen. - Die Gruppenmitglieder, die das Gedicht mit Bildern darstellen, erteilten eine große Tapetenrolle, auf der sie entsprechend den einzelnen Zeilen des Gedichtes die Bilder von links nach rechts nebeneinander mit Ölkreide zeichnen. Das Vortragen des Gedichtes wird durch langsames Aufrollen der Tapetenrolle geübt, wobei jeder Schüler zu seinem Bild die Gedichtzeile spricht. - Die Gruppenmitglieder, die das Gedicht mit Sprache und Bewegung ausdrücken, überlegen miteinander verschiedene Bewegungsvarianten zu jeder Zeile und probieren diese aus. Die Aufnahme des Vortrages auf Tonband dient als Überarbeitungsgrundlage des sinngestaltenden Sprechens. Zum Abschluß d" Stunde findet keine Sicherung im eigentlichen Sinne statt. Vielmehr finden sich die einzelnen Gruppen zusammen und berichten über ihre Arbeit und eventuell entstandene Probleme. Wenn die Zeit ausreicht, werden einzelne Teilergebnisse vorgestellt und entsprechend gewürdigt.

9. Literatur

Brendel, G. "Umgang mit lyrischen Texten", in Grundschule 1/97.

Forytta, C. / Hanke, E. (Hrsg.) "Lyrik für Kinder - gestalten und aneignen", Arbeitskreis Grundschule e.V., Frankfurt a.M. 1989.

Mattern, K. "Lyrik kreativ - Plädoyer für einen handelnden Umgang mit Gedichten", in: Praxis Grundschule 4/94.

Schmitt, R. " Gedichte mit Musik", in: Praxis Grundschule 1/95.

Senatsverwaltung für Schule, Berufsbildung und Sport (Hrsg.) "Vorläufiger Rahmenplan für Unterricht und Erziehung in der Berliner Schule, Deutsch (Grundschule Klasse 1 bis 6)", Berlin 1993.

Reichgeld, M. "Gedichte in der Grundschule", München 1993.

Wedel-Wolff, A. "Gedichte auswendig lernen", in: Praxis Grundschule 5/90.

Wedel-Wolff, A. "Gedichte regen zum Schreiben an (2. Teil)", in: Praxis Grundschule 5/92.

Wedel-Wolff, A. "Gedichte regen zum Schreiben an (3. Teil)", in: Praxis Grundschule 4/94.

10. Anlagen

"Das Wassertröpflein"

Tröpflein muß zur Erde fallen,

muß das zarte Blümchen netzen'

muß mit Quellen weiterwallen,

muß das Fischlein auch ergötzen,

muß im Bach die Mühle schlagen,

muß im Strom die Schiffe tragen

Und wo wären denn die Meere,

wenn nicht erst das Tröpflein wäre.

Johann Wolfgang von Goethe

Arbeitsaufträge für die arbeitsteilige Gruppenarbeit

Das Gedicht "mit Schrift gestalten"

Aufgabe:
Lest euch das Gedicht gemeinsam vor und besprecht, wie ihr die einzelnen Wörter jeder Zeile durch Farben und Formen besonders künstlerisch ausdrücken könnt.

- Jeder schreibt und gestaltet eine Zeile auf dem vorbereiteten Papierstreifen, schreibt also schön groß, damit man das Gedicht später aus der Entfernung gut sehen kann.

- Wenn ihr fertig seid klebt ihr das Gedicht in der richtigen Reihenfolge, Zeile für Zeile untereinander auf das Plakat.

- Ihr habt Zeit bis 8:25.

Das Gedicht mit Musik verklanglichen

Aufgabe:
Lest euch gemeinsam das Gedicht vor und besprecht, welche Geräusche und Klänge zu den einzelnen Zeilen passen könnten.

Jeder von euch wählt ein "Instrument" zu seiner Zeile aus.

- Übt gemeinsam eine Gesamtaufführung. Dabei kann entweder jeder seine Zeile sprechen und dazu das Geräusch erzeugen oder

- Sprecht gemeinsam das Gedicht, wobei jeder zum richtigen Zeitpunkt sein "Instrument" erklingen läßt.

- Wenn ihr schon sicher seid, könnt ihr eure Gesamtaufführung auf Tonband aufnehmen.

- Ihr habt Zeit bis 8:25.

Das Gedicht mit Bildern zeichnerisch darstellen

Aufgabe:
Lest euch gemeinsam das Gedicht vor und besprecht, was für Bilder zu jeder Zeile passen könnten.

- Ihr sollt nun gemeinsam auf der Tapetenrolle das Gedicht durch acht Bilder nacheinander entstehen lassen.

- Dazu nehmt ihr die Tapetenrolle und rollt sie ganz aus.

- Setzt euch in richtiger Reihenfolge nebeneinander (1. Zeile: Jenni, 2. Zeile: Inga, 3. Zeile:...) und malt euer Bild mit Ölkreiden so groß, wie möglich.

- Da ihr für eure Arbeit viel Platz benötigt, könnt ihr auf den Flur gehen.

- Ihr habt Zeit bis 8:25

Das Gedicht mit Sprache und Bewegung ausdrucken

- Lest euch das Gedicht gemeinsam vor und besprecht, wie ihr den Inhalt der einzelnen Zeilen durch Bewegungen und betontes Sprechen besonders gut ausdrücken könnt.

- Überlegt, ob ihr euch die Zeilen des Gedichtes untereinander aufteilt oder ob ihr gemeinsam das Gedicht durch Sprache und Bewegung vortragen wallt.

- Wenn ihr schon sicher seid, könnt ihr euren Gedichtvortrag auf Tonband aufnehmen.

- Ihr habt Zeit bis 8:25

 
 

 



©opyright Nadine Sasse, Berlin, Mai 1997

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06.04.2003


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