Silke Hermsdorf
Lehramtsanwärterin im 1. Schulpraktischen Seminar Hellersdorf (L)
Berlin, Mai 2000

Stundenentwurf
für den unterrichtspraktischen Teil der
Zweiten Staatsprüfung für das Amt des Lehrers

VU /MÄERZ
Klasse 4

Frottage - Experimentieren mit der Durchreibetechnik



Planungszusammenhang

Lernziele

Bedingungsfeld

Sachdarstellung

Didaktische Analyse des Unterrichtsgegenstandes

Didaktisch-methodische Grundkonzeption

Verlaufsplanung

Quellen


 

1. Planungszusammenhang

1.1 Thema der Unterrichtseinheit

Erkunden, Darstellen und bildnerisches Weiterentwickeln von Oberflächenstrukturen - Experimentelles Gestalten mit der Frottagetechnik

1.2 Gliederung der Unterrichtseinheit

1. Darstellen von Oberflächenstrukturen - Zeichnen mit dem Bleistift
2. Frottage - Experimentieren mit der Durchreibetechnik
3. Entwicklung und Gestaltung neuer Bedeutungszusammenhänge aus zufällig entstandenen Frottageobjekten
4. Verknüpfung der Frottage mit dem zeichnerischen Verfahren

2. Lernziele

2.1 Intentionen

Die SchülerInnen

2.2 Ziel der Stunde

Die SchülerInnen können die Frottagetechnik durchführen. Sie zeigen dies, indem sie aus einem ausgewählten Materialangebot (vgl. Punkt 8) individuell verschiedene Objekte wählen und deren Oberflächenstrukturen auf einem darüber liegenden Din A4 Papierbogen durch ein gleichmäßiges, schraffierendes Reiben mit den Zeichenwerkzeugen Bleistift, Graphitstift und/oder Wachsstift sichtbar machen.


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3. Bedingungsfeldanalyse

3.1 Allgemeine Voraussetzungen

Ich unterrichte die Klasse 4 seit Beginn des Schuljahres 1998/99. Aus dem Stundenkontingent von 6 Wochenstunden Vorfachlichem Unterricht entfielen auf den Kunstunterricht jeweils 1 Stunde Hospitation und 1 Stunde selbständiger Unterricht. Des weiteren unterrichte ich in der Klasse 4 Stunden selbständig im Lernbereich Deutsch.

Die Klasse umfasst 24 Kinder, 14 Jungen und 10 Mädchen. Vier Kinder der Klasse sind nichtdeutscher Herkunft (ein polnisches und ein russisches Mädchen, ein russischer und ein türkischer Junge). Die vier Kinder sind gut in die Klassengemeinschaft integriert und besitzen keinerlei sprachliche Schwierigkeiten.

Insgesamt ist die Gruppensituation durch Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft untereinander gekennzeichnet. Leider gab es jedoch in der letzten Zeit unter den Jungen häufig handgreifliche Auseinandersetzungen, die sowohl im schulischen als auch außerschulischen Bereich (die Kinder wohnen fast alle in unmittelbarer Schulnähe und verbringen oft ihre Freizeit miteinander) zu nachhaltigen Störungen des Klimas innerhalb der Klassengemeinschaft führten.

S fiel in den letzten Wochen bei mehreren Lehrerinnen durch Verweigerung der Teilnahme am Unterricht auf Ein Gespräch mit der Mutter führte leider bisher noch nicht zu einer Verhaltensänderung.

Das allgemeine Leistungsniveau und Arbeitstempo der Lerngruppe sind unterschiedlich ausgeprägt. Dem Kunstunterricht steht die Klasse jedoch sehr aufgeschlossen und interessiert gegenüber. Es besteht eine große Bereitschaft, aktiv am Unterrichtsgeschehen teilzunehmen, wobei die Qualität der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit innerhalb der Klasse differiert. Generell haben die Kinder jedoch keine sprachlichen Hemmungen.

Die SchülerInnen sind das Arbeiten mit einem Partner/einer Partnerin oder in einer Gruppe gewöhnt und können über einen längeren Zeitraum selbständig und konzentriert arbeiten.

Bezüglich der ästhetisch-künstlerischen Entwicklung ist ab Klassenstufe 4 mit einem Eintritt in die sogenannte Präadoleszenz-Stufe (vgl. Aissen-Crewett, M., 1996, S. 51-54) zu rechnen, wobei natürlich die jeweiligen individuellen Voraussetzungen einen unterschiedlichen Reifegrad der SchülerInnen zur Folge haben. Bezeichnend für diese Phase ist - und dieses Phänomen ist im Kunstunterricht der Klasse 4 tatsächlich zu beobachten - ein zunehmender Verlust an Unbefangenheit und Spontaneität, sich neuen experimentellen Situationen mit ungewissem Ergebnis auszusetzen. Das kritische Urteil der Mitschüler und die eigene Unzufriedenheit mit bildnerischen Produkten hemmen die Lust, Ungewohntes auszuprobieren.

Die Erfahrung, dass die eigenen Vorstellung aufgrund fehlender technischer Kompetenzen oft nicht adäquat in künstlerisch-bildnerische Sprache umgesetzt werden kann, wird von den SchülerInnen als deprimierender Mangel empfunden. Eine wesentliche Ursache hierfür ist das Streben nach einer möglichst realistischen Darstellungsweise. Die naive, kindliche (sensorisch-imaginative) Art der Darstellung gilt nun als unzulänglich. Häufiger sind Äußerungen wie z.B. "Ich kann nicht malen...", "In Kunst bin ich nicht gut, weil ich nicht schön zeichnen kann." zu hören. Aufgaben mit dem Ziel einer möglichst detailgetreuen Wiedergabe in fotografischer Genauigkeit verstärken Gefühle des eigenen Unvermögens und sind daher aus pädagogischen Gründen für eine überdauernde Motivation zur ästhetisch-künstlerischen Selbsttätigkeit nur in begrenztem Maße einzusetzen.

Die Sensibilisierung für die Vielfältigkeit künstlerischer Darstellungsvariationen ist daher eine wichtige Voraussetzung für die Schulung der ästhetischen Beurteilungsfähigkeit eigener und fremder Werke und bildet darüber hinaus die Grundlage für ein erweitertes Verständnis von Kunst und Kunstunterricht.

3.2 Spezifische Voraussetzungen

Die SchülerInnen. konnten in der Vergangenheit bereits in unterschiedlichen Sinnzusammenhängen Vorerfahrungen zum Thema Strukturen erwerben. Sie wissen, dass Objekte eine Binnenstruktur aufweisen und dass diese mittels verschiedener Verfahren bildnerisch dargestellt und gestaltet werden kann. In ihrem bisherigen Kunstunterricht sammelten die Kinder ästhetische Erfahrungen in der Strukturdarstellung durch z.B. Collage, Knülltechnik oder grafische Verfahren (Federzeichnungen, Bleistiftarbeiten), also einer "mittelbaren" Darstellung von Struktur. Darüber hinaus wissen die Schülerlnnen, dass Punkte und Linien grafische Elemente zur Strukturdarstellung sind. Auch die Technik des Schraffierens ist den Kindern bekannt.

Die Frottagetechnik ist für die SchülerInnen ein neuer Lerngegenstand. Eventuell verfügen einige Kinder über Erfahrungen im Durchreiben von Münzen; vorausgesetzt werden kann dies allerdings nicht. Damit entsteht ein neuer Zusammenhang zwischen Schraffur und Struktur, denn nun wird durch die schraffierende Bewegung der Durchrieb einer strukturellen Oberfläche erzeugt. Eine kognitive Erläuterung dieser grafischen Zusammenhänge ist jedoch nicht das Anliegen dieser Stunde.

Einige Kinder haben immer noch große Schwierigkeiten mit der motorischen Feinkoordination im Umgang mit dem Bleistift. Die Variation der Aufdruckstärke in Abhängigkeit von ihrer Gestaltungsabsicht fällt ihnen schwer. Bei diesen SchülerInnen ist die erforderliche flache Handhaltung des Bleistiftes für die Erzeugung eines "weichen, breiten Striches" möglicherweise ein problematisches Moment. Alternativ sollten sie, vor allem in der Anfangsphase, mit einem Wachsstift arbeiten, da dieser durch seine Eigenschaften (weiche, runde "Spitze", breitflächiger Abrieb) auch bei steilerer Handstellung zu einem Erfolgserlebnis führt.

3.3 Besondere situative Voraussetzungen

Normalerweise findet der Kunstunterricht der Klasse am Dienstag in der 6. Stunde und am Freitag in der 2. Stunde statt. Die heutige Stunde stellt also eine Abweichung ihres Stundenplanes dar. Den Kindern sind jedoch die Gründe für diese Veränderung bekannt. In den vergangenen Monaten erlebten die SchülerInnen häufiger die Hospitation von einer oder mehreren Personen in ihrem Unterricht. Daher kann davon ausgegangen werden, dass die Anwesenheit der Prüfungskommission keine Auswirkungen auf das SchülerInnenverhaltren nach sich ziehen wird.


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4. Sachdarstellung

Der Begriff "Frottage" leitet sich von dem französischem Wort "frotter" (reiben, abreiben) ab und bezeichnet die Technik des Durchreibens von strukturierten Oberflächen von Gegenständen und/oder Naturmaterialien auf Papier. Dabei wird auf die Objektoberfläche ein Bogen Papier gelegt. Mit einem flach gehaltenen weichem Bleistift, (Graphitstift oder Wachsstift) wird nun gleichmäßig über den Gegenstand gerieben, so dass dessen Oberflächenstruktur durch eine unterschiedlich starke Schattierung der Schraffur sichtbar wird. Ein insgesamt stärkerer oder schwächerer Druck erzeugt unterschiedliche Tonwerte. Durch den Umgang mit Materialien ermöglicht die Frottage visuelle, haptische (griechisch: "greifbar, den Tastsinn betreffend") und emotionale Erfahrungen, welche eine Sensibilisierung des visuellen Erkennens und die Erweiterung praktischer Gestaltungsfähigkeit fördern.

Die von Max Ernst 1925 entwickelte Frottagetechnik entstand laut autobiografischer Aussagen des Künstlers aufgrund einer "visionären Heimsuchung": "...die meinem faszinierten Blick die Fußbodendielen aufdrängte, auf denen tausend Kratzer ihre Spuren eingegraben hatten. ... um meine meditativen und halluzinatorischen Fähigkeiten zu unterstützen, machte ich ( ... ) eine Serie von Zeichnungen, indem ich auf sie ganz zufällig Papierblätter legte und diese mit einem schwarzen Blei rieb. ... da war ich überrascht von der plötzlichen Verstärkung meiner visionären Fähigkeiten und von der halluzinatorischen Folge von gegensätzlichen und übereinandergeschichteten Bildern, ... . Meine Neugier erwachte und staunend begann ich unbekümmert und voll Erwartung zu experimentieren. Ich benutzte dazu ... alle Arten von Materialien, die ich in mein Blickfeld bekam." (Max Ernst: "Au delà de la peinture", zit. in: Bischoff, U., 1999, S. 34).

Die ersten Resultate der Frottagetechnik stellte Max Ernst unter dem Titel ªstoire Naturelle" zusammen. Diese zeichneten sich vor allem durch ihre Offenheit der Bedeutung aus. Das Wechselspiel zwischen hervorgenebenen Strukturen und neu montierten Zusammenhängen hatten sowohl eine bildhafte Erweiterung zur Folge, als auch eine grundsätzliche Bewusstseinserweiterung und Sensibilisierung bezüglich der Infragestellung festgelegter Bedeutungen. Der Zufall wurde zum gestaltbildenden Moment, allerdings als Teil eines Gesamtplans, nach dem der Künstler bewusst Voraussetzungen für den Zufall schaffte, Zufallsergebnisse bewusst auswählte, assoziierte und kombinierte.

Das Prinzip des Zufalls spielt in der Kunst der Moderne, besonders im Dadaismus und Surrealismus, eine zentrale Rolle. Hier wurden vielfältige Produktionsmethoden ( = aleatorische Verfahren; z.B. auch Grattage, Collage, Decalcomanie) entwickelt, in die das Zufällige mit dem Ziel des Aufbrechens erstarrter Formen, der Veranschaulichung des Unbewussten, als Auslöser für Assoziationen und Stimulans von Ideen (vgl. Brügel, E., 1996, S. 34) als gestaltbildendes Moment eingeht.

Mit Hilfe seiner "Kunst der Verrückung" (Bischoff, U., 1999, S. 38) konfrontierte Max Ernst die Gesellschaft, deren Wissenschaftsgläubigkeit mit dem Positivismus der Naturwissenschaften zu jene Zeit ihren Höhepunkt erreichte, in provozierender Form mit einer die Welt der Imagination verkörpernden Darstellungsweise, mit welcher er inhaltliches und konzeptionelles Neuland betrat (ebenda).

Papier

Die Wahl des Zeichengrundes ist eng mit der Wahl des Zeichenwerkzeuges und der Gestaltungsabsicht verbunden. Im Zusammenhang mit der Frottagetechnik sollte das Papier nicht zu dick sein, um auch den Durchrieb feinerer Strukturen zu ermöglichen. Um einem Zerreißen entgegenzuwirken, sollte es jedoch (vor allem im Anfangsbereich, wenn das motorische Bewegungsmuster, die Aufdruckstärke und die Winkelstellung des Zeichenwerkzeuges noch nicht gefestigt sind) eine gewisse Stabilität aufweisen. Generell gilt: je gröber die Oberflächenstruktur ist, desto stabiler sollte das Papier sein. Eine etwas gröbere Papieroberfläche ist einer sehr glatten vorzuziehen, da die abgeriebenen Partikel auf einem rauen Grund besser haften.

Werkzeug Bleistift

Die Bezeichnung Bleistift resultiert aus der ursprünglichen Annahme, es handle sich bei dem verwendeten Material um Blei. Tatsächlich sind Bleistifte jedoch Graphitstifte. Sie bestehen aus einer Mischung aus Graphit und Ton, sowie anderen Beigaben. Die Dosierung der einzelnen Bestandteile und die Brenntemperatur führen zu unterschiedlichen Härtegraden. Diese lassen sich nach ihrer englischen Bezeichnung in H (hard), B (black) und F (firm) unterscheiden. In Abhängigkeit von der Gestaltungsabsicht kann man hierbei wiederum verschiedene Härtegrade (9B ist der weichste, 911 der härteste Grad) auswählen. Die Bezeichnung HB steht für einen mittleren Härtegrad. Neben der Darstellung von Strukturen aus den grafischen Grundelementen Punkt und Linie, ermöglichen Bleistifte auch die Erzeugung von flächenhaften Hell-Dunkel-Kontrasten. In Abhängigkeit von der Richtung des Linienverlaufs, aus deren Stärke und aus den Abständen zwischen den Linien lassen sich Plastizität und Materialität erzielen. Die Wirkungen können durch den Winkel des Stiftaufsatzes, die Art des Anspitzens, die verwendete Papiersorte und die Druckstärke variiert werden. Für das Frottagevorhaben sind vorzugsweise weiche Bleistifte QB, 4B) zu benutzen. Sie zeichnen schwärzer und fettiger und eignen sich gut für das Schraffieren und damit den Durchrieb der Oberflächenstruktur. Es ist darauf zu achten, dass die Schraffur (nebeneinandergesetzte Linienbündel) möglichst geschlossen ist.

Der Graphitstift verfügt grundsätzlich über die gleichen Eigenschaften wie der Bleistift. Lediglich die Einbettung der Mine in ein Holzbett ist hier nicht gegeben. Vorteilhaft wirkt sich bei der Frottage daher die breite Abriebfläche (die gesamte angespitzte Fläche) aus.

Werkzeug Wachsstift

Der Wachsstift lässt sich der Gruppe der Kreiden, einem ausgesprochenen arten- und qualitätsumfassendem Sammelbegriff, zuordnen. Genaugenommen spricht man also von Wachskreiden. Die Spur dieses Werkzeuges liegt zwischen derjenigen von Stift und Pinsel. In der Art, wie sie entsteht, gleicht sie der Stiftspur, in der fleckig-malerischen Auswirkung eher einer Pinselspur. Kreiden werden nicht angespitzt. Daher entsteht eine Spur, die je nach Ansatz, Druckstärke und Handhabung sehr unterschiedliche Dicken und Intensitäten besitzen kann. Feine Linien werden durch die Nutzung der Kanten, dicke Linien durch einen frontaleren Aufsatz der Kreide hervorgerufen. Die Farbintensität kann durch eine Druckverstärkung, mehrfaches Nachziehen oder die Wahl einer anderen Farbe gesteigert werden. Die Wachskreide eignet sich besonders für großzügige Gestaltungsweisen, die weder reich an Einzelheiten sind, noch eine hohe Genauigkeit erfordern. Flächenhaftigkeit entsteht auch bei der Wachskreide durch das schraffierende An- oder Übereinandersetzen von Linien (siehe oben). Der Farbauftrag sollte bei der Durchführung der Frottagetechnik möglichst satt und porendeckend sein, um die darunter liegenden Oberflächenstrukturen zur Geltung zu bringen. Anzustreben ist eine regelmäßige, ausgeglichene (ruhige) Fläche.


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5. Didaktische Analyse des Unterrichtsgegenstandes

5.1 Rahmenplanbezug

Das Thema der Stunde entspricht den Forderungen des vorläufigen Rahmenplanes für Unterricht und Erziehung in der Berliner Schule bezüglich der Aufgaben und Ziele für das Fach Bildende Kunst aufgrund folgender Aussagen:

5.2 Begründung der Stoffauswahl

Die Prinzipien des Vorfachlichen Unterrichts im Allgemeinen und die Aufgaben und Ziele des Kunstunterrichtes im Besonderen erfordern die konsequente Umsetzung eines handlungsorientierten Unterrichtes.

Die Aussage des Rahmenplanes: "Was die Schüler begriffen haben, können sie in ästhetischen Aktivitäten zunehmend nach sachbezogenen Kriterien vergegenständlichen und beurteilen." (S. 6) unterstreicht, welche Bedeutung das Lernen mit allen Sinnen für die ästhetische Welterfahrung hat.

Die zielgerichtete, planvolle Auseinandersetzung mit der Beschaffenheit, Form und Oberflächenstruktur von Gegenständen bzw. Naturmaterialien aus der Lebensumwelt der SchülerInnen führt zu einer bewussten haptischen Wahrnehmung, die wiederum eine Grundlage für die Bereicherung, Fortentwicklung und Differenzierung des Zeichenrepertoires hinsichtlich der Binnenstrukturierung bildet.

Die Frottage macht Oberflächenstrukturen sichtbar, visualisiert also sozusagen die haptische Erfahrung, und hebt diese damit ins Bewusstsein. Darüber hinaus wird durch den Gestaltungsprozess auch das zeichnerische Ausdruckspotential erweitert (vgl. dazu: Grate, G., 1998, S. 19).

Die Frottagetechnik im Sinne Max Ernst's entwickelt aus den gewonnenen Strukturen neue Bildaussagen, indem diese ihren eigentlichen Bedeutungsursprung verlieren und als Versatzstücke zum Aufbau neuer Bildinhalte verwendet werden. Diese Form der Darstellung erfordert ein gewisses Maß an Assoziations- und Abstraktionsvermögen, das gemäß dem Entwicklungsstand der SchülerInnen noch nicht vorausgesetzt werden kann. Deshalb soll im Rahmen der Unterrichtseinheit altersangemessen akzentuiert zunächst eine Annäherung an die Entdeckung und Gestaltung veränderter Bedeutungszusammenhänge stattfinden.

5.3 Reduktion

"Damit sich Neugierde und Staunen, Lust und Sinnlichkeit, Engagement und Phantasie am Gegenstand entzünden können, müssen wir den Kindern Raum, Zeit und Zugriffsweisen anbieten, die diese Intensivierung der Wahrnehmung ermöglichen" (Staudte, A., 1987, S. 4).

In dieser ersten Begegnung mit der Technik des Frottierens geht es deshalb zunächst um die spielerisch-experimentelle Auseinandersetzung mit einer Auswahl verschiedener Alltagsgegenstände bzw. Naturmaterialien und ihrer Oberflächenstruktur. Dabei soll der Blick der SchülerInnen noch nicht durch eine bestimmte Gestaltungsaufgabe fixiert und somit die Intensität der sinnlichen Wahrnehmung eingeschränkt werden. Die SchülerInnen sollen sich der vielfältigen Frottagemöglichkeiten in ihrer unmittelbaren Lebensumwelt bewusst werden, ein Gefühl für die erforderliche Handstellung, Druckkraft und den günstigsten Neigungswinkel des Zeichenwerkzeuges zur Erzeugung eines gleichmäßigen, geschlossenen Durchriebes entwickeln, unterschiedliche Zeichenwerkzeuge verwenden und deren Wirkung miteinander vergleichen.

Der Vergleich von Origialstruktur und Frottage, also die Beziehung zwischen haptischer und visueller Wahrnehmung sowie die ästhetischen Erfahrungen während des Experimentierens stehen im Mittelpunkt der Betrachtung und Beurteilung der entstandenen Produkte. Darüber hinaus begegnen die SchülerInnen. erstmals einer Frottagearbeit Max Ernsts und entdecken daran weiterführende Gestaltungsmöglichkeiten mit den gewonnenen Strukturen.


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6. Didaktisch-methodische Grundkonzeption

Die didaktisch-methodische Konzeption orientiert sich an den Ergebnissen der Kreativitätsforschung (vgl. z.B. Daucher, H./ Seitz, R., 1982, S. 91ff., 120,127 und Aissen-Crewett, M., 1996, S. 36/37) welche die Annäherung an einen neuen ästhetischen Lerngegenstand nach einem bestimmten Phasenmodell befürworten:

Die Vorbereitungsphase dient der Einführung in das Unterrichtsvorhaben. Die Schüler/innen sollen hier eine Relevanz des künstlerisch-ästhetischen Vorhabens für ihre eigene Person und eine Verbindung zu ihren individuellen ästhetischen Erfahrungen herstellen. Die im Stuhlkreis inszenierten haptischen und visuellen Erfahrungen lenken den Blick der Kinder auf die sinnliche Wahrnehmungsebene und dienen der Aktivierung des Vorwissens über Strukturen. Die Sinneswahmehmungen, die die Kinder dabei und auch später während ihrer Explorations- und Produktionsphase machen, sollen immer wieder sprachlich artikuliert und bewusst gemacht werden. Die Kinder entwickeln in einem Unterrichtsgespräch schrittweise die Technik des Durchreibens als Möglichkeit, eine Oberflächenstruktur sichtbar zu machen.

Die folgende Experimentierphase beinhaltet eine spielerisch-experirnentelle Auseinandersetzung. Die Kinder arbeiten dabei an Gruppentischen (6 Tische mit je 4 Kindern). So sind Möglichkeiten der Kooperation und des gedanklichen Austausches gegeben und auch beabsichtigt. "Wichtig ist hierbei ein noch nicht auf die Erzielung eines vorgefassten Endproduktes fixiertes Agieren; es geht vielmehr um freies Assoziieren und Erproben seiner Selbst und seiner Möglichkeiten" (Aissen-Crewett, M., 1996, S. 36). Zunächst sollen die Kinder also erst einmal das Frottieren mit verschiedenen Werkzeugen erproben und dabei Erfahrungen im Bezug auf die Eigenschaften, Handhabung und Wirkungen sammeln.

In der anschließenden Reflexionsphase sollen unter Bezug auf die vorliegenden Arbeitsergebnisse die gesammelten Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit dem Material und mit dem Selbst vorgetragen, verglichen und auf ihre Durchführbarkeit hin bewertet werden. Durch das Analysieren, Verwerfen, Bestätigen oder Verändern der bisherigen Vorgehensweise werden neue Erkenntnisse gewonnen.

Diese fließen in die nachfolgende Ausführungsphase ein, in der es nun um die konkrete Auseinandersetzung mit den verschiedenen Oberflächenstrukturen und deren Darstellung durch die Frottagetechnik geht. Diese stellen (je nach Struktureigenschaft) unterschiedliche Anforderungen an das Geschick und in Abhängigkeit von Werkzeugwahl und Art und Weise des Durchriebes können verschiedene Wirkungen entstehen bzw. mit zunehmender Erfahrung auch bewusst erzeugt werden. Auch in dieser Phase ist der kommunikative Austausch über gewonnene Wahrnehmungs- und Handlungserfahrungen von großer Bedeutung, denn die SchülerInnen sollen miteinander kooperieren, sich gegebenenfalls helfen (z.B. bei der Fixierung des Papiers) und sich gestalterisch anregen. Das Experimentieren wird zu einem gemeinsamen, kommunikativen Erlebnis und stärkt besonders die SchülerInnen, die bei Einzelarbeit leicht resignieren. Darüber hinaus sind Absprachen hinsichtlich des zur Verfügung stehenden Materials (pro Tisch eine Materialkiste mit verschiedenen Gegenständen und Naturmaterialien) nötig, da diese in der Gruppe ausgetauscht werden müssen. Eine Differenzierung und Individualisierung ergibt sich aus der relativen Offenheit der Gestaltungsaufgabe (Wahlmöglichkeit des Zeichenwerkzeuges, verschiedene Materialien, Art der Darstellung). Hinweise der Lehrerin auf leichter bzw. schwerer handhabbare Materialien sollen besonders den SchülerInnen. mit Schwierigkeiten in der motorischen Feinkoordination die Auswahl geeigneter Gegenstände und Werkzeuge erleichtern. Jedes Kind soll möglichst viele Experimente wagen.

Die Analysephase bietet den Kindern Gelegenheit, ihre Ergebnisse zu präsentieren, andere Produkte zu betrachten, ihre Ideen, Gedanken und Erfahrungen während des Arbeitens zu reflektieren und sich dazu sprachlich zu äußern. Unter den Gesichtspunkten der Objektauswahl (Material, gesamtes Objekt oder Ausschnitt, etc.), der Wahl des Zeichenwerkzeuges und der entstandenen Wirkungen sowie der Deutlichkeit der Darstellung in Abhängigkeit von der Art und Weise des Durchriebes untersuchen und vergleichen die Kinder kriterienorientiert die entstandenen Produkte. Die anschließende Präsentation einer Frottagearbeit von Max Ernst konfrontiert die SchülerInnen mit der Darstellung klar erkennbarer Oberflächenstrukturen (- aus den einzelnen Elementen der Bildgestaltung lassen sich deutliche Rückschlüsse auf die verwendeten Frottageobjekte ziehen-), die durch die bildnerische Anordnung in einen veränderten Bedeutungszusammenhang (ein neues Motiv) gesetzt wurden. Das Betrachten der eigenen Produkte unter diesem kreativ-assoziierendem Aspekt verlockt zu neuen Deutungsvarianten. Überlegungen zur Entstehung der Frottagearbeit von Max Ernst machen den Kindern die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten bewusst. Damit ist ein Spannungsbogen für die folgende Stunde in der Unterrichtseinheit geschaffen, in der es um die zielgerichtete, thematische (Weiter-)Gestaltung eines bildnerischen Produktes gehen wird.


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7. Verlaufsplanung

1. Vorbereitungsphase ca. 10 Min.

Unterrichtsgeschehen

Didaktischer Kommentar

Aktionsformen / Medien

Stuhlhalbkreis, Unterrichtsgespräch 3 Pappkartons 3 Tücher 1 Massageball 1 Bogen Papier 1 Kamm Tafel und Kreide

Teillernziele

Die SchülerInnen

2. Experimentierphase ca. 5-7 Min.

Unterrichtsgeschehen

Didaktischer Kommentar

Aktionsformen / Medien

Teillernziele

Die SchülerInnen

3. Reflexionsphase ca. 5 Min.

Unterrichtsgeschehen

Didaktischer Kommentar

Aktionsformen / Medien

Teillernziele

Die SchülerInnen

4. Ausführungsphase ca. 12-15 Min.

Unterrichtsgeschehen

Didaktischer Kommentar

Aktionsformen / Medien

Teillernziele

Die SchülerInnen

5. Analysephase ca. 10 Min.

Unterrichtsgeschehen

Didaktischer Kommentar

Aktionsformen / Medien

Teillernziele

Die SchülerInnen

8. Anlagen

Zur Durchführung der Unterrichtsstunde werden folgende Materialien benötigt:

9 Pappkartons
6 Aststücke
24 Stück Strukturtapete
24 Wachsmalstifte
Wellpappe
Holzstücke
Bastuntersetzer
Sisalschnur
Strukturtapete (versch.)
Passepartouts in verschiedenen Größen
ca. 125 Blatt Din A4 Papier
Tafel, Kreide
bedruckte Stoffstücke
6 Reißverschlüsse
18 Teppichstücke
3 Tücher
6 Kämme
20 weiche Bleistifte (3B)
12 Graphitstifte
6 Ziegelsteine
Baumrinde
6 Tortenuntersetzer
6 Frisbeescheiben
grobe Stoffe
A4 Kopie der Frottagearbeit von Max Ernst
Magnete
Gardinenstücke
6 Sisalfliesen

Abbildung aus: Farbe, Form und Phantasie - Kunstbuch für die Grundschule 4. Hannover, Schroedel Verlag 1999.

9. Quellenverzeichnis

Aissen-Crewett, M.: Kunstunterricht in der Grundschule. Braunschweig 1996
Daucher, H./ Seitz, R.: Didaktik der bildenden Kunst. Moderner Leitfaden für den Unterricht.
Grundschule - Hauptschule - Realschule - Gymnasium. München 1982
Senatsverwaltung für Schule, Berufsbildung und Sport: Vorläufiger Rahmenplan für Unterricht und Erziehung in der Berliner Grundschule. Grundschule, Fach Bildende Kunst. 1991
Grote, G.: Frottage. Naturerfahrungen, Fantasietiere und Kunstbegegnung im Unterricht. In: Kunst und Unterricht 223/224, Juni 1998
Staudte, A.: Sinn-volle ästhetische Erziehung: wahrnehmen, begreifen, gestalten. In: Die Grundschulzeitschrift 8/1987
Brügel, E.: Praxis Kunst. Zufallsverfahren. Hannover 1996.
Wilde, D.: Seminarpapier FS VU. 16.05.1999.


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Unterrichtsbeispiel Klasse 2: Strukturstudien mittels Durchreibeverfahren (Frottage)

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©opyright Silke Hermsdorf, Berlin, Mai 2000

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06.04.2003


 

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