Sprache untersuchen - Sprache reflektieren - Gedankenanstöße zu grammatischen "Verhältnissen" in der Grundschule


Zitatauswahl zum Grammatikunterricht

 

Wir betreiben keine Grammatik - wir spielen mit Sprache... (Hansheinrich Rütimann)

Hansheinrich Rütimann: Sprachentdecker. Eine Grammatikwerkstatt. Bern 1993 (Zytglogge).

"Die Frage nach dem Zeitpunkt, wann man Kinder in die Grammatik einführen soll, ist müßig. Unwissentlich gehen sie immer damit um." (S. 16)

"Eine ähnliche Akzentverschiebung hat der Sprachunterricht erfahren. Anstelle des ‹klassischen Grammatikunterrichts› tritt die situative Reflexion des sprachlichen Handelns und der damit verbundenen grammatischen Phänomene. Die neuen Zielsetzungen dieses ‹anderen Grammatikunterrichts› sind ein einsichtiges Sprachverständnis (Verstehenshilfe) und eine zeitgemäße Sprachkompetenz (Argumentationsfähigkeit)." (S. 104)

"Sowohl im 'klassischen' (herkömmlichen) als auch im ‹situationsorientierten anderen› Grammatikunterricht bewegen sich entsprechende Vermittlungsversuche und Übungen überwiegend auf der verbal-kognitiven Ebene. Regeln und Gesetzmäßigkeiten des grammatischen und funktionalen Bereichs sollten Kindern jedoch nicht primär verbal vermittelt werden und schon gar nicht wie Kochrezepte von ihnen gelernt und angewendet werden. Die Kinder sollten die der Sprache innewohnenden eigenen Gesetze selber erleben und entdecken." (S. 105)

"Auf keinen Fall darf Grammatik losgelöst vom Sprachganzen, nur als ‹Skelett› zum Gegenstand der Betrachtung gemacht werden (...)." (S. 106)

Eisenberg/Voigt: Grammatikfehler? In: Praxis Deutsch, 102/1990.

"Dieses Regelwissen ist bei den meisten Kindern wie bei nahezu allen erwachsenen Sprechern implizit. Sie folgen den Regularitäten, können sie aber nicht explizit formulieren." (S. 13)

"Es kommt für den Grammatikunterricht deshalb darauf an, in das komplizierte Wechselspiel zwischen unbewußter Verallgemeinerung der Spracherfahrung und spontaner Sprachreflexion des Kindes in der Weise einzugreifen, daß der Prozeß der Reflexion gefördert wird, ohne es von seiner Spracherfahrung abzuschneiden. Dieser Gefahr erliegt der muttersprachliche Grammatikunterricht, der dem traditionellen Lateinunterricht nachgebildet ist. Seinem Muster folgend will er mit dem losgelösten Erlernen grammatischer regeln und Begriffe eine Korrektur der Sprache der Schüler erreichen. Solcher Unterricht setzt voraus, daß Regelwissen unmittelbar Regelbefolgung nach sich zieht (...). Er verkennt dabei, daß das Sprachbewußtsein der Kinder keine tabula rasa ist, sondern bereits nach festen, wenn auch vielleicht noch - gemessen an dem standardsprachlichen Gebrauch - unvollkommenen Strukturen geordnet ist." (S. 14)

"Das Erkennen der grammatischen Regularitäten führt nicht automatisch zur Verbesserung der Sprech- und Schreibweise. Aber es birgt eine Chance, die dem Grammatikunterricht fehlt, der fertige Regeln ‹verdinglicht› (Andresen) lehrt. Da grammatische Reflexion, selbst wenn sie durch spielerische Methoden angeregt wird, zudem für Schüler aller Altersstufen ein hohes Maß an Konzentration erfordert, sollte sie eher häufiger variiert wiederholt als über mehr als zwei oder drei Unterrichtsstunden ausgedehnt werden." (S. 15)

Horst Bartnitzky: Sprachunterricht heute. Frankfurt/M. 1987.

"Im Zusammenhang eines grundschulbezogenen Konzeptes von Sprachunterricht kann es nicht sinnvoll sein, einen eigenen Bereich: Sprachreflexion zu formieren. Vielmehr lernen Kinder, über Sprachgebrauch nachzudenken, wenn sie beim Sprachgebrauch auf Schwierigkeiten oder Auffälligkeiten stoßen, also bei ‹Sprache in Aktion› - in prägnanten Sprachverwendungssituationen. Gänzlich verbietet sich ein Sprachunterricht, der als Vor-Leistung das vermittelt, wonach vielerorts Fremdsprachenlehrer weiterführender Schulen rufen, nämlich die Einführung in ein vermeintlich elementares grammatikalisches Wissen (z. B. Grammatik der Zeitformen, Satzanalyse)." (S. 79f.)

"Unter dem grundschulpädagogischen Grundsatz der Kindorientierung sei noch einmal daran erinnert, daß bei Grundschulkindern abstraktes Denken erst angebahnt wird, das Begriffs- und Regellernen immer nur handlungs- und anwendungsbezogen erreicht werden kann. Damit verbietet sich die Einführung grammatikalischer Begriffe ohne vorherige situative Erarbeitung und ohne Einsicht in die Funktion der so bezeichneten begrifflichen Einheit; es verbieten sich formale Satzstrukturübungen und systematisches Flektieren von Wörtern (Konjugieren, Deklinieren)." (S. 82)

Manfred Wespel: Grammatikunterricht (k)ein Stiefkind. Grundschule 1/1996.

"Einsichten in die Strukturen und Funktionen von Sprache sind nicht losgelöst von den Spracherfahrungen der Kinder als fertige, feste, deduktiv zu vermittelnde Tatbestände und Termini vorzugeben, sie müssen durch Handlungen am Material Sprache, das möglichst aus dem Unterricht heraus gewonnen wurde, entwickelt werden. Nur so können sie wirklich zu Begriffen werden, können sie produktiv wirksam auf immer wieder neue und veränderte sprachliche Phänomene als Kategorien des Denkens bezogen werden, kann das jeweilige Begriffssystem umgebaut und auf qualitativ höhere Stufen übergeleitet werden."

"Als unumgänglich aber ist die Fähigkeit der Lehrer und Lehrerinnen anzusehen, die Kinder gezielt zu operativem Umgang an sprachlichem Material anzuleiten, sie in die Lage zu versetzen, selbstständig, beobachtend, handelnd an sprachlichen Einheiten Entdeckungen über die Eigenschaften von Wörtern (Wortarten), Wortgruppen (Syntagmen), Sätzen zu machen."

Jakob Ossner: Der Schatz der Wörter. Grundschule 1/1996.

"Man sollte jedoch nicht dem Fehler unterliegen, daß das Hersagenkönnen einer Terminologie irgendetwas mit grammatischem Denken oder Wissen zu tun habe. Glinz (1987) hat für den Grammatikunterricht den bedeutsamen Unterschied zwischen Terminus und Begriff gemacht. Das Ergebnis des Lernprozesses kann nur der Begriff sein."

 


  • Wie erwerben Kinder Sprachwissen?

  • Welche Konsequenzen für den Umgang mit grammatischem Wissen und den Erwerb von Regeln ergeben sich für den Unterricht im Lernbereich Deutsch?

  • Leiten Sie aus den obigen Zitaten Kernthesen zur Sprachbetrachtung im verbundenen Sprachunterricht ab.


Dagmar Wilde • Seminarpapier / FS VU • 09/96


 

 

 

©opyright Dagmar Wilde, Berlin, April 2001

letzte Aktualisierung 07.04.2003

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