Thesen zum Grammatikunterricht

"Die Tür wird wohl geöffnet gewesen sein."

Zum Verstehen, Sprechen und Schreiben derartiger Sätze benötigen wir keinen Grammatikunterricht!

  • Das Formulieren entsprechender Sätze ist unabhängig von der Kenntnis der Formen möglich,

  • die Kenntnis der Form trägt zum Formulieren nichts Wesentliches bei,

  • die grammatische Form steht nach ihrer Bestimmung für weiteres Sprachhandeln nicht besser zur Verfügung.

Wissen über Grammatik beseitigt noch keine Grammatikfehler!

  • Spracherwerb vollzieht sich nicht allein über Nachahmung, vielmehr werden grammatische Muster im Zuge von Hypothesenbildungsprozessen (Abstraktionen - nicht gleichzusetzen mit Regeln!) erworben.

  • Unbewusstes, vorbewusstes Wissen manifestiert sich im Sprachgebrauch: Kinder sind zur Kommunikation fähig und gebrauchen dabei grammatische Regeln - sie kennen aber keine Regeln. Wenig Wissen ist erforderlich, um das Wissen (um Grammatik) richtig anzuwenden.

  • Kinder verfügen bei Eintritt in die Schule über grammatisches Wissen - nur denken sie nicht darüber nach. Kinder verfügen über einen relativ breiten und sicheren Sprachschatz, den sie sich frei von jeder Systematik angeeignet haben. Kinder verfügen über Sprachbewusstheit, die sie z. B. beim Spontanschreiben anwenden.

  • In schulischen Lernprozessen geht es um die Erweiterung dieser Vorerfahrungen.

Was von dem, was grammatische Theorie festschreibt, soll Schülerinnen und Schülern vermittelt werden? Wozu soll es ihnen vermittelt werden?

  • Grammatische Kategorien sind verschiedene Festlegungen von Menschen, grammatische Kategorien sind nicht in der Sprache existent - wir haben sie vereinbart. (Verschiedene Grammatiken favorisieren unterschiedliche Kategorisierungen.)

  • Grammatik dient der Systematisierung von Sprache, grammatische Termini helfen beim Sprechen über Sprache. Aber: Termini nutzen erst, wenn wir an der Entstehung dieser Begriffe teilgenommen haben. (Begriffe bleiben "leere Wörter", wenn keine Denkkategorien dafür zur Verfügung stehen.)

  • Grammatik ist von vornherein etwas anderes als eine Menge von Bezeichnungen für Wortarten, Satzglieder und Flexionssysteme: Grammatiklernen besteht darin, Unterscheidungsmöglichkeiten, Gliederungskategorien und Gesetzmäßigkeiten in ihrer Funktion zu erkennen.

Im Zentrum des Grammatikunterrichts steht die Frage
a) wie kommt man zu den Kategorien?
b) wie wendet man diese Kategorien an?

  • Grammatikunterricht kann nur bei der Erweiterung/Verbesserung der (vorhandenen) grammatischen Kompetenz unterstützend wirken ("Sprachgefühl").
    Grammatikunterricht kann sensibilisieren, Begriffskategorien differenzierter wahrzunehmen.
    Der Prozeß dieser Kategorienbildung ist der wichtige und lernfördernde!

  • Durch experimentelles Handeln muss grammatisches Wissen selbständig überprüfbar werden, indem z. B. Funktion und Leistung von Wortarten im kommunikativen Kontext erprobt werden. ("Was muß ein Wort können, damit ich es als Adjektiv bezeichnen kann?")
    Texte, an denen gearbeitet wird, müssen Kinder nach- und mitempfinden können.

Handlungsorientierung im Grammatikunterricht bedeutet: Handeln mit Sprache - nicht nur Nachdenken über Sprache:
Handeln beim Ermitteln der grammatischen Begriffe
Handeln beim Anwenden der grammatischen Begriffe

  • Deutlich wird: Ganz wichtig ist das Selbertun - nicht nur das Füllen von Lückentexten! Erst dann wird Grammatikunterricht produktiv! Beim Grammatikunterricht geht es zuerst einmal darum, Kategorien über selbsttätige Sprachhandeln zu "entdecken", sie zu "begreifen" (Sprachspiele sind daher Spiele der Erkenntnis...)

  • Durch den bewussten Umgang mit Sprache können z. B. Texte wirksamer gestaltet werden - dabei können grammatische Kenntnisse von Nutzen sein. Mehr können wir von grammatischem Wissen nicht erwarten!

Handlungsorientierter Grammatikunterricht leitet in handlungsorientierten Deutschunterricht über,
indem Sprachhandeln und Sprachreflexion beim Texte Verfassen, Rechtschreiben, mündlichen Sprachgebrauch und Lesen bedeutsam werden.


Suchen Sie Aussagen des Rahmenplans Deutsch zum Teilbereich Sprachbetrachtung heraus und notieren Sie zentrale Stichworte.

 


Dagmar Wilde 09/96 • Seminarpapier / FS VU


 

 

 

©opyright Dagmar Wilde, Berlin, April 2001

letzte Aktualisierung 07.04.2003

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