Zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung und ihren Konsequenzen für den Grundschulunterricht

Manuskript des Referats anlässlich der Fachseminarveranstaltung am 30.09.98

Rechtschreibung ist entstanden durch Übernahme der lateinischen RS-Regeln auf die deutsche Sprache ('qu' auf diese Weise ins Deutsche gekommen); zur Zeit Goethes herrschte gewisse Toleranz, insgesamt damalige RS der heutigen weitgehend entsprechend

1901 2. Orthographische Konferenz in Berlin (Vertreter der Länder des Deutschen Reichs erarbeiten "Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis")

1902 amtliche Festlegung der Rechtschreibung (amtliches Regelbuch erschien auf Veranlassung der Lehrer, die Vereinheitlichung für alle Schulen anstrebten, Erlass galt für Volksschulen und staatliche Verwaltung: nur in diesen Bereichen hatte Staat Regelungskompetenz - dies gilt auch heute: privaten Schreibern, Verlagen und Druckereien, Privatindustrie kann Staat seine RS nicht aufzwingen)
Duden stütze sich auf diesen Erlaß; Duden-Ausgaben seit 1902 haben jedoch nie wörtlich mit Festlegungen des amtlichen Erlasses übereingestimmt

1955 Verordnung der KMK: Gültigkeit der amtlichen Regelungen von 1901 weiterhin bestätigt (als Grundlage für den Unterricht in allen Schulen), in Zweifelsfällen (bis zu einer Reform) Regeln und Schreibungen des Duden verbindlich

1972 Pen-Zentrum + GEW Vorstoß zur Reform

1975 DDR Forschungskommission Orthographie / 1978 BRD Kommission Rechtschreibfragen

1985 Internationale Kommission Rechtschreibfragen gegründet

1986 1. Konferenz in Wien Reform zur Vereinfachung als Absichtserklärung

1988 Reformvorschlag eingebracht (staatlich beauftragte Linguisten waren befasst), der nunmehr 1998 in überarbeiteter Fassung von 1992 verabschiedet wurde

Überblick

Neuregelung setzt Erlass von 1902 und Dudenerlass von 1955 außer Kraft; seit diesem Zeitpunkt war die - privatwirtschaftliche - Dudenredaktion für Änderungen und Regelungen verantwortlich. Entthronung des Duden, da dieser in Zweifelsfällen nicht mehr maßgebende Instanz, sondern eine "Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung" (angesiedelt am Institut für deutsche Sprache in Mannheim) mit Auftrag: Beobachtung der Entwicklung der deutschen Rechtschreibung und Erarbeiten von Vorschlägen zur Reform.

Bei der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung handelt es sich nicht um eine Reform, vielmehr um Weiterentwicklungen, Schrift + Buchstaben sind ja erhalten geblieben, keine tiefen Eingriffe in Systematik erfolgt, Ausnahmen wurden reduziert. Ziel war es Handhabung, Erlernbarkeit, Lehrbarkeit, praktisches Schreiben zu erleichtern (Undurchsichtigkeit des alten Regelwerks entstand durch Veränderungen der Sprache, Hinzufügungen etc.) - (zu 90% wirkt sich Vereinfachung der Regeln in realen Texten auch gar nicht auf Wortbilder aus! Setzt man für die geschriebene Sprache einen standardsprachlichen Grundwortschatz von etwa 15.000 Wörtern an, dann ändert sich die Schreibweise bei etwa 600 dieser Wörter.)
Die Neuregelung der Orthographie wird erst ab dem Jahr 2005 allein verbindlich sein. Bis zu diesem Zeitpunkt entsprechen auch die alten Schreibweisen noch den amtlichen Verfügungen.

Mit "Veränderung der Schreibweise" kann dabei Unterschiedliches gemeint sein.

  • Einmal werden für einzelne Wörter Schreibweisen eingeführt, die es im gegenwärtigen Deutsch nicht gibt, etwa wenn künftig rau statt bisher rauh zu schreiben ist.

  • Andererseits können Änderungen ganze Wortgruppen betreffen, wenn sie auf Regeländerungen beruhen. So schreiben wir in Zukunft Schloss, Guss, gewiss, musst, gestresst, weil ß nach betontem Kurzvokal durch ss ersetzt wird.
    Regeländerungen, die sich auf die Schreibweise großer Wortgruppen auswirken, finden sich in allen Bereichen der Orthographie, bei der Groß- und Kleinschreibung ebenso wie bei der Zusammen- und Getrenntschreibung oder der Silbentrennung.

  • Nur über die Regeln lassen sich Neuerungen in der Zeichensetzung einführen.

  • Ein besonderer Typ von Veränderung ergibt sich bei der sog. Variantenführung. Die neue Rechtschreibung weist insgesamt etwas mehr Schreibvarianten auf als die alte. Veränderung kann heißen, dass neben der alten Schreibweise eine weitere als Variante zugelassen wird, z.B. aufwändig neben aufwendig. Veränderung kann aber auch das Verhältnis von Haupt- und Nebenvariante betreffen.

Grundprinzipien

  • Reduzierung der 212 Rechtschreibregeln auf 112 und der 52 Kommaregeln auf 9

  • Stärkung des Stammprinzips

  • Systematisierung im Sinne der Analogieschreibung

  • Fremdwortangleichung an die deutsche Rechtschreibung

  • Stärkung der Getrenntschreibung

  • Stärkung der Großschreibung

  • Liberalisierung der Interpunktion

  • Vereinfachung der Worttrennung am Zeilenende

Es ist unmöglich, im Schnelldurchgang alle Bereiche der Neuregelung so zu vermitteln, dass nicht hinterher größte Verwirrung herrscht. Es soll heute deshalb darum gehen, die Grundprinzipien der Neuregelung im Bereich der Groß- und Kleinschreibung sowie Getrennt- und Zusammenschreibung deutlich zu machen.

Relativ überschaubare Änderungen vorab (also doch: "Crash-Kurs"):

Zeichensetzung, Komma vor 'und'

In diesem Bereich wurde die Zeichensetzung vereinfacht. Es wird zukünftig kein Unterschied gemacht, ob 'und' einzelne Wörtter, Wortgruppen, Nebensätze oder Hauptsätze verbindet. Nach der bisherigen Regel musse im letzten Fall ein Komma gesetzt werden, bei durch 'und' verbundenen Nebensätzen, Wörtern oder Wortgruppen durfte jedoch keins gesetzt werden.

Stammprinzip

Umlautschreibung: überschwänglich, Bändel, schnäuzen (in großschnäuzig war die ä Schreibung bereits existent) - aufwendig oder aufwändig (entweder von aufwenden oder Aufwand)

Konsonantenverdopplung: nummerieren - platzieren - Stukkateur

Drei Konsonanten: Flanelllappen - Flusssand - Balletttänzer (konsequente Beibehaltung aller Konsonanten - Bindestrichregelung eröffnet hier aber Flexibilität)

Einzelfälle: Rohheit - Zierrat - selbständig/selbstständig beide Möglichkeiten - rau (wie blau, schlau, grau) - Känguruh wie Gnu, Kakadu

s- Schreibung: Der Ersatz von ß durch Doppel-s nach kurzem Vokal ist in allen Texten die mit Abstand häufigste Neuschreibung. Die neue Systematik ist überzeugend: Im Sinne des Stammprinzips verhält sich demnach Doppel-s wie alle anderen Konsonanten. Der Buchstabe ß hat zukünftig lediglich die Aufgabe darauf hinzuweisen, dass der vorangehende Vokal lang gesprochen wird.

Worttrennung am Zeilenende:

Trennung erfolgt nach Sprechsilben. (s-t: Wes-pe wie Wes-te)

Einzelvokalbuchstaben dürfen abgetrennt werden (O-ma)

Ausnahmen:

  • Häufigkeit der Wörter mit ck machte Änderung in kk unmöglich (Zuc-ker wäre schwer lesbar gewesen, jetzige Lösung nicht optimal, da Länge nicht zu erschließen (Zu - cker oder Zu-satz)

  • Fremdwörter griechischen oder lateinischen Ursprungs können nach der alten, etymologisch begründeten Regel oder nach der Aussprache, also entsprechend der üblichen deutschen Trennung nach Sprechsilben (Päd-ago-gik - Pä-da-go-gik / par-al-lel bzw. pa-ral-lel) getrennt werden

Sonstiges

  • Binnengroßschreibung ist weiterhin nicht sanktioniert: SchülerInnen ist also nach wie vor nicht richtig

  • es gibt kein amtliches RSwörterbuch, jedes ist in der Schule zu gebrauchen, wenn es die amtlichen Regeln voll und ganz umsetzt

Inhalte GS Kl. 1-4: relevante Neuregelungen

  • ß/ss: Fluss - Flüsse

  • Konjunktion daß/dass

  • Trennung von st: Kas-ten

  • Großschreibung der Anrede in Briefen (nur noch Sie, Ihnen, Ihr - nicht mehr du, dir, ihr, euch, eure, dein)

Kindern dürfte Umstellung weniger schwer fallen, da weder die Regeln (ss-ß) noch die Schemaschreibungen schon stark gefestigt sind.

Konsequenzen für den Rechtschreibunterricht

In der fachdidaktischen Literatur finden wir seit längerem - lerntheoretisch begründete - Positionen, die uns dringend nahe legen, eine andere Sicht des Fehlers zu entwickeln.

Fehler sind nicht mehr als Zeichen von Defiziten, sondern als Hinweis auf das Können und die Lern- bzw. Schreibstrategien des Schreibers/der Schreiberin zu deuten.

Mit Fehlern umgehen zu lernen, sie als Lernchance zu nutzen, ist vordringliches Ziel des Rechtschreibunterrichts. Fehlersensibilität zu entwickeln, d.h. mit Zweifeln in Bezug auf eine Schreibung aktiv umzugehen, muss grundlegender Bestandteil allen Rechtschreiblernens sein.

Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung bietet viele Anlässe, an Fehlern problemorientiert und konstruktiv zu arbeiten. Schülerinnen und Schüler können miterleben, wie Erwachsene - weil sie auch Lernende bzw. Umlernende sind - mit ihren Rechtschreibzweifeln umgehen. Lautes Nachdenken, Bilden von Hypothesen, Aktivieren von Regeln und schließlich Nachschlagen im Wörterbuch werden Modelle für erfolgreiches Rechtschreiben.

Für den Rechtschreibunterricht in der Schule bedeutet dies, möglichst von Beginn an und kontinuierlich

  • eine natürliche, das Schreiben anregende Lernumgebung zu schaffen, die keine Rechtschreibprobleme ausklammert,

  • Fehlschreibungen als Lernanlässe zu nutzen, d.h. an ihnen unverkrampft und problemorientiert arbeiten,

  • den kommunikativen Aspekt des Schreibens ernst zu nehmen und als die Hauptseite zu begreifen, für die das Richtigschreiben funktionale Bedeutung hat - nicht umgekehrt,

  • dem experimentierenden Umgang mit möglichen Schreibvarianten Raum zu geben, das -Jonglieren mit ihnen zu einer Lernkultur werden zu lassen, in deren Folge individuelle Lernstrategien entstehen können.

Was tun im 1. Schuljahr?

Die Berücksichtigung der Neuregelung beim Anfangsunterricht im Lesen und Schreiben im 1. Schuljahr erscheint wenig problematisch.
Für die Kinder sind alte und die neue Schreibweise gleichermaßen neu. Hier muss nicht ein Wahrnehmungsmuster gelöscht und durch ein anderes ersetzt werden.

Rechtschreibunterricht ist im 1. Schuljahr als Sicherung des Fibel-Grundwortschatzes in Lese- und Schreiblehrgang integriert. Der Grund- bzw. Klassenwortschatz eines 1. Schuljahres ist aber nur in wenigen Fällen überhaupt von der Neuregelung betroffen. Neuschreibungen in Fibeltexten sind vor allem jene aus dem Bereich der Stärkung des Stammprinzips - und hier vor allem die Schreibung 'ß' oder 'ss'.

(Z. B. die Verbform 'muss'... sie lässt sich nun viel konsequenter mit der Pluralform oder dem Infinitiv 'müssen' zusammenbringen. Für Lese- und Schreibanfänger eine klare Erleichterung.

Im übrigen wird man zu Beginn des 1. Schuljahrs gewiss noch keine Rechtschreibregeln (Nach kurzem Vokal schreibt man ss, nach langem Vokal ß) lehren.
Hier wird man im Sinne induktiven Rechtschreiblernens bei der Einführung des Buchstabens 'ß' natürlich nur Wörter mit Langvokal verwenden und diese Länge durch Vor- und Nachsprechen hörbar machen.
Umgekehrt wird man bei der Einführung des Buchstabens 's' nicht mit der Doppelschreibung im Wortauslaut beginnen, sondern diese durch Vergleich von Flexionsformen (z.B. Nüsse - Nuss) oder verwandten Wörtern (z.B. küssen - Kuss) aus dem Wortinlaut herleiten.

Klasse 2 - 4

Ein didaktisches Problem stellt sich erst mit dem irgendwann notwendigen Widerrufen bereits vermittelter Regeln und Schreibweisen.

Rechtschreibunterricht in der Primarstufe zielt in erster Linie auf die sichere Beherrschung eines Rechtschreib-Grundwortschatzes (der sich aus dem Häufigkeitswortschatz, dem Klassenwortschatz (aus anderen Fächern, situativen Bezügen etc.) und dem Wortschatz der individuell bedeutsamen Wörter zusammensetzt.

Rechtschreibkompetenz wird vor allem durch
häufiges Lesen und - freies wie angeleitetes - Schreiben und das damit verbundene Einprägen der Schreibweisen erworben, darüber hinaus durch die Vermittlung von Lösungshilfen (Ableiten...),
das Trainieren von Nachschlagetechniken sowie - in geringerem Maße - durch den Hinweis auf systematische, über das Einzelwort hinausweisende "Regelungen".

Die Umstellung auf die Neuregelung wird also in der Grundschule vor allem im Ersatz überholter Einzelwortschreibungen bestehen. Die Arbeit mit individuellen Rechtschreibkarteien leistet hier gute Dienste.

Da das morphologische Prinzip ("Wortverwandte") ein tragendes Prinzip der Neuregelung ist und hier auch manche (nicht alle...) Ausnahmen beseitigt worden sind, kann sich der Blick im Rechtschreibunterricht natürlich nicht nur auf Einzelwörter richten.
Die Analogschreibung verschiedener Flexionsformen oder bedeutungsverwandter Wörter muss in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Dabei steht wiederum die Schreibung ß/ss im Vordergrund, im 3. und 4. Schuljahr auch schon mit Hinweis auf vorausgehende Vokalquantität.

Unproblematisch dürften die Veränderungen bei der Silbentrennung sein. Die Trennbarkeit von 'st' und die Nichttrennbarkeit von 'ck' haben ja nun nur zur Folge, dass keine Ausnahmen mehr gelernt werden müssen. Hier genügt ein entsprechender Hinweis an geeigneter Stelle im Unterricht.

Alle übrigen Themen der Rechtschreibreform sollten erst in der Sekundarstufe behandelt werden, mit einer Ausnahme: der Groß- und Kleinschreibung.

Die neue Kleinschreibung aller Anredepronomen im Brief (mit Ausnahme der überall groß zu schreibenden Höflichkeitsanrede Sie) beseitigt ebenfalls nur eine Sonderregelung und dürfte Kindern leicht fallen.

Anders verhält es sich bei der Großschreibung von Substantivierungen/Nominalisierungen. Für Grundschüler ist es zum Teil noch recht schwer, die Wortartenzugehörigkeit sicher zu bestimmen, noch schwerer aber, einen Wortartenwechsel zu erkennen.

Hier sollte noch stärker als bisher auf den vorhandenen Artikel als Erkennungsmerkmal für Substantive/Nomen hingewiesen werden. Damit lassen sich Neuregelungen wie 'der Erste', es ist 'das Beste' systematisch den existierenden Regelungen zuordnen wie 'das Schwimmen', 'die Größe'...

Ggf. erst in der Sekundarstufe sollten wohl die schwierigeren Fälle der Großschreibung behandelt werden: der mit einer Präposition verschmolzene Artikel (zum Besten geben, fürs Erste), die Flexionsendung als Kasuskennzeichen (ihm als Einzelnem) und die erweiterte Großschreibung von substantivierten Adjektiven in festen Redewendungen (im Dunkeln tappen, seine Schäfchen ins Trockene bringen).


Wilde • Seminarpapier FS VU 98


 

 

 

©opyright Dagmar Wilde, Berlin, April 2001

letzte Aktualisierung 07.04.2003

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