Von der "Kunst" des Unterrichtens
- oder: "Kunstfehler" von Anfang an vermeiden

Kleintechniken

Komplexere Unterrichtstechniken

Hans Glöckel führt eine - lange - Liste von Lehrgriffen und -techniken auf, die verdeutlicht, über wie viel handwerkliches Können Lehrerinnen und Lehrern verfügen müssen. Diese Liste ist nicht abgeschlossen (so fehlen z. B. all jene fachspezifischen Techniken, die vom Vorführen eines Experiments und dem Gebrauch eines Zeichengeräts bis zur Hilfestellung beim Geräteturnen reichen).
Als Hilfe zur Erweiterung des "Handwerkszeugs" wird Glöckels Sammlung hier in Auszügen - mit Ergänzungen - aufgeführt.

Lehrgriffe, formale Kleintechniken

Sprachliche Nachlässigkeiten vermeiden (Hilfe: Tonbandaufnahme eigenen Unterrichts)

  • Füll- und Verlegenheitswörter abgewöhnen

  • mundartliche, grammatikalische, logische Flüchtigkeiten unterlassen…

Nicht zu viel reden

  • Beherrschung üben, eigene Worte nicht durch Überfülle entwerten,

  • Schülern nicht auf die Nerven gehen, ihnen Zeit und Ruhe lassen…

Sprachpflege betreiben

  • gutes Vorbild geben, auf zusammenhängenden, präzisen Ausdruck achten

  • nicht durch zu hohe Forderung mundtot machen, nicht auf Nebensächlichkeiten herumreiten, vom bestehenden Sprachniveau ausgehen, aber nicht auf ihm stehen bleiben

  • Aussprache- Vorlese- Vortragsübungen einbeziehen, Freude der Schüler am Sprechen, am guten Sprechen erhalten und fördern…

Vorteilhafte Stellung und Haltung einnehmen

  • situationsgerechten Platz wählen, um gut zu sehen und gut gesehen zu werden

  • natürliche, aber nicht nachlässige Haltung einnehmen

  • persönlichkeitsimmanente, aber beherrschte Gestik und Mimik zeigen

  • sich ruhig im Raum bewegen…

Richtig aufrufen

  • Klasse überblicken, alle Schüler beachten, nicht nur mit den Flinken oder Aufdringlichen arbeiten

  • keine feste Reihenfolge bei der Drannehmenstechnik einhalten, Jungen und Mädchen gleichrangig aufrufen, erst Impuls geben, dann Namen nennen

  • Schweigsame Schüler taktvoll aufmuntern und einbeziehen, aber persönliche Eigenarten achten

  • auf Einhaltung von Vereinbarungen (Melderegeln) achten…

Warten können

  • Zeit zum Nachdenken lassen, Antworten aufschreiben oder zwischen Partnern besprechen lassen

  • auf individuelles Tempo Rücksicht nehmen, nicht hetzen und drängen

  • Kindern nicht ins Wort fallen

  • mehrere Beiträge zum gleichen Impuls anhören

  • Beiträge der Kinder ernst nehmen und dies auch zeigen…

Nachdrücklich arbeiten

  • nicht zu rasch zufrieden geben, auf zusammenhängendem Beitrag bestehen

  • Wichtiges hervorheben, aber nicht im Nebensächlichen hängen bleiben

Zügig beginnen

  • umständlichen Einführungen und Einleitungen vermeiden, rasch zur Sache kommen

  • gelungene Anfangsmotivation suchen, aber nicht überbewerten

  • Zielorientierung nicht versäumen…

Zügig weiterarbeiten

  • Langatmigkeiten, Umständlichkeiten vermeiden, sich bei aller Gründlichkeit nicht in Nebensächlichkeiten verlieren

  • nicht alles erfragen wollen, nicht herumraten lassen, sondern selbst Informationen anbieten

  • gedanklichen Spannungsbogen nicht abreißen lassen…

Deutlich akzentuieren

  • Gliederung des Lehr-Lern-Geschehens für Schüler/innen deutlich machen

  • einzelne Schritte voneinander absetzen, unklare Übergänge und Überschneidungen vermeiden

  • Zwischenzusammenfassungen vornehmen, Teilergebnisse festhalten (z. B. an der Tafel)

  • Verständnisschritte überprüfen, Teilschritte neu motivieren...

Nicht mehrere Dinge gleichzeitig tun oder tun lassen

  • klare Anweisungen geben, auf ihre Einhaltung achten sowie sie selbst einhalten

  • Tätigkeiten deutlich voneinander absetzen, Wechsel rechtzeitig ankündigen

  • unbenötigte Dinge wegräumen lassen...

Arbeitsanweisungen geben

  • einfach und klar formulieren

  • schrittweise gliedern, erklären, u. U. vormachen (lassen), von Schülern wiederholen lassen, schriftlich unterstützen

  • Ankündigung und Ausführung nicht überlappen lassen...

Organisatorische Vorbereitungen rechtzeitig treffen

  • Medien, Hilfsmittel, Materialien bereitstellen

  • zeitlichen Ablauf planen (Zeitreserven vorsehen)

  • vorgesehene Gruppierungs- bzw. Arbeitssituationen von Schülern (Blickrichtung, Tafel) bedenken bzw. vorbereiten

  • Tafel- bzw. Projektortext samt Platzverteilung gut überlegen...

Räumliche Ordnungen gut überlegen

  • Gruppierungsformen aufgabengemäß planen (Stühle zweckmäßig anordnen, notwendige Umstellung überlegen, das Umstellen üben lassen, ggf. auch Stehhalbkreis wählen)...

Lehrmittel sorgfältig einführen

  • Schülern Zeit lassen, sich in die Darstellung hineinzufinden (gründlich betrachten, hören, lesen lassen, didaktische Funktion und Darstellungsart erklären)

  • Lehrmittel gut sichtbar aufstellen oder anbringen.

Schüler aktiv sein lassen

  • differenzierte Aufgaben stellen, Zusatzaufträge bzw. Arbeit nach eigener Wahl vorsehen…

  • Unterricht nicht in Einzelunterhaltung (zwischen L-Sch oder Sch-Sch) auflösen

  • Kontakt zu jedem einzelnen Schüler herstellen und nicht abreißen lassen

Klasse bei Stillarbeit nicht stören

  • nicht in Einzel- oder Gruppenarbeit einbrechen (nicht durch häufige Zusatzanweisungen unterbrechen), notwendige Unterbrechung vorher durch Signal ankündigen…

  • mit einzelnen im Flüsterton reden

Arbeitshygiene beachten

  • häufig lüften, Beleuchtungsverhältnisse und Wärme regulieren

  • bei Sitzordnung auf Lichteinfall, Sitzhaltung achten (zur korrekten Körper- und Handhaltung beim Schreiben anleiten)

  • Tätigkeitswechsel vorsehen, Bewegungsbedürfnis befriedigen

  • nicht mit Zwischenpausen geizen, aber nicht in die Pausen hinein unterrichten…

Lernerfolge erleben lassen

  • häufig "verstärken" (oft die ganze Klasse loben, auch kleine Fortschritte anerkennen)

  • ermutigen (erreichbare Zwischenziele setzen)

  • Fehler als Lernschritte verstehen (sie mit Interesse, Nachdenklichkeit, Humor - aber förderndem wie forderndem Verständnis zur Kenntnis nehmen)

Richtig aufhören

  • Zeit für Zusammenfassung und Rückschau, weiterführende Aufgaben usw. vorsehen

  • Stunde nicht abrupt abbrechen, aber auch nicht konturlos auslaufen lassen

  • einprägsamen Schlusspunkt setzen (abschließende, auf Wesentliches zielende Aussage mit offener Frage, Ausblick auf Weiterarbeit...)

Komplexere, eigens zu erlernende Unterrichtstechniken

Unterrichtsgespräche führen, Impulse geben

Richtig sprechen

  • mit angemessener Lautstärke, deutlicher Artikulation, sinngemäßer Intonation und Modulation, richtiger Atemtechnik, dem Hörer zugewandter Sprechrichtung… (Sprechschulung bzw. Stimmbildung unter professioneller Anleitung wird ggf. empfohlen)

Wirkungsvoll erzählen

  • detaillieren, motivieren, personifizieren, lokalisieren, dramatisieren

  • Verben, einfache Sätze verwenden

  • Ausgewogenheit zwischen von Ausmalen und Raffen

  • Sprache modulieren, Gefühlsausdruck nicht scheuen, Blickkontakt suchen...

Gut vorlesen

  • Blickkontakt suchen

  • sinngemäß betonen und gliedern, artikuliert sprechen

  • Verarbeitungspausen einschieben..,

Wörter, Begriffe erklären

  • übersetzen, umschreiben, definieren, Gegensätze aufführen, Verwendung beschreiben, Beispiele geben, etymologisch ableiten, auf Gegenstand verweisen, gestisch oder zeichnerisch darstellen, durch den Gebrauch einführen...

Lerntechniken und Arbeitsformen einschulen

  • begründen, vormachen erklären, probieren lassen, korrigieren, Gelingen bestätigen

  • einüben, Einhaltung einfordern, in Abständen wiederholen...

Zu Bild- und Objektbetrachtung, Beobachtung, Textarbeit u. ä. anleiten

  • Einführung oder Einstimmung geben (wenn nötig)

  • Schülern genügend Zeit zur stillen Auseinandersetzung bzw. zum Partnergespräch lassen

  • spontane Äußerungen zulassen und begrüßen

  • nicht zu früh gängeln - erst allmählich stärker die Führung übernehmen, auf Übersehenes und Wesentliches hinführen

  • Objekt entfernen und aus der Vorstellung beschreiben lassen...

Arbeitsmittel, Arbeitsblätter erstellen

  • Inhalte strukturiert zusammenstellen, auf Wichtiges reduzieren, sachlogisch strukturieren, sorgfältig formulieren

  • übersichtlich darstellen, sauber schreiben und zeichnen

  • Arbeitsanweisungen eindeutig formulieren Möglichkeiten der Selbstkontrolle einbauen

  • Differenzierung mittels Zusatzaufgaben und Anregungen vorsehen...

Tafelanschriften, OH-Folien, Plakate anfertigen

  • Werkzeugeigenschaften beachten, saubere Unterlage schaffen, vorbildliche Schrift einsetzen

  • knapp, einprägsam, sprachlich korrekt und einheitlich formulieren

  • Platz gut verteilen, farbig unterscheiden und hervorheben, Skizzen einfügen

  • wenn möglich schrittweise erarbeiten, Teilfläche für unvorhergesehene Aufzeichnungen vorsehen...

Technische Geräte bedienen

  • sich einweisen lassen, im Voraus üben, Geräte vorher kontrollieren und rechtzeitig bereitstellen

  • Schüler nach vorheriger Einweisung mithelfen lassen, Mängel bei Rückgabe melden bzw. sofort beheben...

Differenzierende Maßnahmen treffen

  • Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeit vorbereiten

  • Zusatzaufgaben für rasche Arbeiter vorsehen

  • einzelne Schüler bzw. Schülergruppen "abhängen", Abteilungen bilden, eigene Entscheidung der Schüler über Aufgabenwahl oder Zuordnung zu Abteilungen fördern

  • individuelle Arbeitsergebnisse in Lernprozesse und -ergebnisse der Gruppe überführen, einbeziehen

Hausaufgaben stellen

  • nicht zu viel, insbesondere nicht vielerlei aufgeben, aber auch nicht zu wenig und Nebensächliches

  • nicht routinemäßige, sondern sinnvoll eingebettete, angemessene, nach Umfang, Schwierigkeit, Zeitbedarf differenzierte Aufgaben stellen

  • den Schülern Wahlmöglichkeiten einräumen, Freiwilligkeit fördern

  • notwendige Lerntechniken einschulen

  • klare Anweisungen geben, auf saubere Ausführung dringen

  • regelmäßig kontrollieren und würdigen

  • Kontakt mit den Eltern suchen, auf Ausschaltung störender Einflüsse oder Gewohnheiten dringen,,,

Schriftliche Arbeiten korrigieren

  • sauber schreibendes Werkzeug benützen,

  • Korrekturzeichen (in nicht zu großer Zahl)mit Schülern besprechen und einheitlich verwenden

  • zwischen grober Übersichts-, gründlicher Normal- und diagnostischer Individualkorrektur unterscheiden

  • Fehleranalysen als Grundlage weiterer Arbeit erstellen...

Benoten und Bewerten

  • neben der "objektiven" Benotung als Einordnung in eine Rangreihe der Leistungen auch die "subjektive" Bewertung für persönlichen Einsatz und Lernfortschritt geben…

  • individuelle Rückmeldungen auch im persönlichen Gespräch geben

Ordnung wahren, Rituale einführen, disziplinieren

  • Ordnungen begründen, einüben, einhalten (Ordnungsfragen mit Schülern erörtern)

  • Kurzpausen einlegen, Ventile für Bewegungs- und Äußerungsdrang schaffen, Konzentrations- und Entspannungsübungen einschalten

  • Freiräume lassen, Grenzen nicht zu eng setzen, aber auf ihnen bestehen, Vorwarnungen geben

  • Abweichungen schon in den Anfängen abwehren, alles bemerken, aber nicht von der Sache ablenken (möglichen Ablenkungen vorbeugen, z. B. unbenötigte Sachen wegräumen lassen)

  • maßvolle Signale geben, nicht inkonsequent reagieren oder überreagieren, Lautstärke wechseln häufiger richtiges Verhalten loben als falsches tadeln

  • nicht dauernd moralisieren, nörgeln, argumentieren, schimpfen, vielmehr mit Verständnis, Humor und Konsequenz zügeln...


  • Dagmar Wilde • Seminarpapier Fachseminar VU • 1999


 

 

	

©opyright Dagmar Wilde, Berlin, Januar 2000

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06.04.2003


 

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