Leseförderung in der Schule

Nadine Blöhm
schriftliche Ausarbeitung zum Referat
FUB - WS 99/00

Bücherlesen lernt man nicht über Lesebücher!

"Das Lesebuch wird verschwinden, und die großen Bücher, die Originale... werden wieder in die Hand der Jugend gegeben werden. Die Bibliothek der Schule wird das größte, schönste und wichtigste Lehrzimmer sein, und das Bücherverleihen der Schule ein wesentlicher Teil ihrer ganzen Lehrtätigkeit." (KEY, ELLEN 1902: Das Jahrhundert des Kindes)

Lehrerinnen und Lehrer, die von der Richtigkeit des Satzes "Kinder brauchen Bücher" überzeugt sind, sollten sich wieder des Kinder- und Jugendbuchs erinnern und es immer stärker in den Vordergrund des Unterrichts einbeziehen, denn dies ist das Mittel, um Kinder zu Buchlesern zu machen.

Hier werden drei Thesen über den Stellenwert der Kinder- und Jugendliteratur für die Schule dargestellt.

 

1. These

Vordergründig scheint alles in bester Ordnung zu sein, denn die Produktionszahlen der Kinder- und Jugendliteratur sind sehr hoch. 2 000 - 3 000 Bücher werden erstellt, offensichtlich ein gutes Geschäft. Kinder- und Jugendbuch lesen hat in den meisten Grundschulen und Hauptschulen Fuß gefaßt, doch noch ist es nicht bei manchen Lehrern zur gängigen Praxis dazu gehörend. Die Lehrer nehmen lieber immer mehr literarische Angebote für junge Leser an, z.B. Autorenvorlesungen, Vorlesewettbewerbe, Aktionen wie "Das lesende Klassenzimmer", Buchwochen an Schulen u.ä..

Nach den Ergebnissen der Medien - Studien ist dies ein Widerspruch zu den respektablen Produktionszahlen, denn die "Leselust" läßt nach bei den Heranwachsenden. Sie ist viele Jahre stabil geblieben, trotz des Fernsehers Heute überwiegt er leider! Es werden zwar immer wieder Bücher gekauft, doch nicht wirklich gelesen und somit vergammeln sie oder verstauben auf den Regalen im Kinderzimmer oder in einer Kiste auf dem Speicher.

Ein Beispiel sind die Vereinigten Staaten, wo der rapide Rückgang der Lesefähigkeit beklagt wird, denn es breitet sich ein anwachsender Analphabetismus aus, ebenso in den westlichen Industrieländern. Es droht eine Spaltung unserer Gesellschaft in eine lesende Wissenselite und in ein nichtlesendes Wissensproletariat.

Einige Lehrer sehen es realistisch, andere nehmen es nicht ernst, daß das Lesen weniger wird, doch trotzdem müssen beide verstärkt darüber nachdenken, danach Fragen "Was ist Lesen?", "Wie kann man es fördern?". Sie müssen von der Auffassung Abstand halten, daß nicht nur das traditionelle Lesebuch und die gängigen Konzepte des weiterführenden Lesens wichtig sind.

Das Lesebuch ist ungeeignet aus Kindern und Jugendlichen Buchlesern zu machen. Häppchenweises Lesen von Kurztexten bringt die Kinder nicht dazu umfangreichere Bücher zu lesen. Für die Schüler ist das Lesebuch nur ein Lehrmittel mit Texten, die für sie den Anschein verordneter und zwanghafter Lektüre haben.

Die Texte (die Inhalte) sind alle vorgeschrieben, sanktioniert und didaktisch ausgerichtet und geben den Kindern weder jene Faszination, noch Motivation zum Lesen. Oft stehen sich pädagogische und persönliche Interessen diametral (entgegengesetzt) entgegen.

Die Zeitschrift: Die Zeit 1985 schrieb: "Es gibt das böse Wort von unseren Lesebüchern als einer geschundenen, vielfach, verdächtigen, zensierten und ministeriell entkernten Buchgattung, die häufig so geschrieben und gestaltet seien, daß sie den Gutachtern besser gefielen als den Kindern.

Lesebücher geben nicht alles an Inhalten her und deswegen sollte man auch ganze Bücher im Unterricht lesen. Die den entsprechenden Inhalt hergeben und die in den Lesebüchern fehlen oder zu kurz kommen, andererseits sollen sie auch speziell die Schüler ansprechen und kognitiv und emotional bedeutsam machen.

" Will man die Liebe zur Literatur wecken, dann muß man schon früh anfange. Eine einzige Institution kann diese Aufgabe erfüllen: die Schule." von Marcel Reich-Ranicki

"Eine besondere Bedeutung hat bei der Pflege der deutschen Sprache in der Schule die Förderung des Lesens. Die Lehrer sollen deshalb ihre Schüler immer wieder zu eigener Lektüre anregen und sie auf wertvolle Lesestoffe aufmerksam machen." vom Bayrischem Staatsministerium für Unterricht und Schule 1988, S.380.


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2. These

Das Lesen von ganzen Büchern im Unterricht ist das beste und spannendste für Schüler. Dies ist das Ergebnis bei einer Schulbefragung am Ende eines Schuljahres, wo ein Leseprojekt stattgefunden hat. 90% der Schüler meinten: " Ich finde es gut, wenn wir in der Schule ganze Bücher lesen! " 10% sagten: " Mir ist es egal! " eine ganz kleine Zahl an Schülern meinte: " Ich finde es nicht gut, wenn wir in der Schule lesen! "

Beispiel an Begründungen:

(weil es zu Hause nicht so viel Spaß macht, es ist aufregender als alleine zu lesen, es ist mal was anderes)

(weil in der schule vieles noch mal genau nachgelesen wird und besprochen wird, weil man mehr erfährt z.B. über den Autor oder was alles bedeutet)

(weil wir lernen, Bücher zu lesen, weil man in der schule das Buch wirklich zu Ende liest, weil ich zu Hause nie lesen würde, schlecht Leserin)

(weil man sich bilden kann, man lernt viel über die Welt)

(es macht Spaß und es ist spannender es zusammen zu lesen und darüber zu sprechen, Meinungsaustausch)

(es sind gerade die richtigen Bücher, Bücher die festhalten, spannender als im Lesebuch die Geschichten)

(man beschäftigt sich länger damit, als mit dem Lesebuch, man freut sich aufs nächste Kapitel, lieber lange Texte lesen als kurze)

(gerne zu Hause lesen als Hausaufgabe, die Lehrer wissen endlich was sie als Hausaufgabe aufgeben können)

Warum ist Leseförderung wichtig / bedeutsam?

3. These

Nach BETTELHEIM ist Lesen ein wichtiger Gegenstand im Unterricht: "Unter allem, was man in der Schule lernt, ist nichts so wichtig wie das Lesen!" Weiterhin sagt er, daß dem Unterricht im Erstlesen und die Verfasser der Fibel, die Kinder das Lesen lehrt aber nicht sie zum Lesen allgemein bringt.

Eine weitere Kritik von BETTELHEIM geht an die Grundschullesebücher, die zwar immer bunter, perfekter und didaktisch durchorganisierter werden aber die Phantasie und die produktiv - kreative Dimension bleibt völlig außen vor. Hinzu kommt hier noch, das der Leseunterricht immer nach dem gleichen Schema abläuft, und somit wird auf das Kind als Leser nicht so sehr geachtet.

Daraus folgt, es wäre besser den Unterricht auf ganze Bücher zu verlegen, wo die Texte nicht zu kurz sind, vollständig informieren und nicht zerpflückt sind. Doch hierbei treten Schwierigkeiten auf, denn das Kinder- und Jugendbuch ist kein einfacher Unterrichtsgegenstand, so BAUMGÄRTNER:

Das Kinder- und Jugendbuch ist ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts!

Lehrer die Kinderbücher in den Unterricht mit einbeziehen wollen, um die Lernprozesse und das Lesen ganzer Bücher zu vermitteln, werden als Leiter der Gefühle und der Gedankenkontrolle bezeichnet. Obwohl es so aus sieht, wie einfühlsame Herablassung und Belehrung.

Dazu gibt es drei Gegenargumente zur Relativierung der Kinderbücher im Unterricht:

Am besten wäre ein didaktisches Grundkonzept, daß aufweist welche Kinder- und Jugendliteratur einzusetzen ist.

Didaktische Grundhaltungen:

Man muß dabei darauf achten:

  1. eine kindorientierte Vermittlung

  2. den künstlerischen Eigenwert von Literatur nicht zu verlieren

Bei der Vermittlung muß darauf geachtet werden, daß der Zweck und die Ausübung von Macht und Zwang vermeidet.

" Denn, ob ein Kind ein tiefes und andauerndes Verhältnis zum Lesen gewinnt, wird stark davon abhängen, ob es im Lesen etwa sieht, was ihm von außen aufgezwungen wurde, oder etwas, an dessen Zustandekommen es selbst aktiv beteiligt ist." (BETTELHEIM 1982, S. 47)

(End-) Ziel aller Vermittlungstätigkeit des Lehrers muß sein: sie und sich selbst überflüssig zu machen.

Lesen bildet nicht nur, sondern macht wach, stärkt Kopf, Herz, und Sinne, beeinflußt die Einstellungen ebenso wie das Verhalten. Wer liest, lebt intensiver und weiß genauer, was er zu verlieren hat.

Deswegen vor allem braucht das Lesen eine starke Lobby!


©opyright Nadine Blöhm, Berlin, Februar 2000



1. Teil: Leseförderung (B. Hurrelmann)

3. Teil: Kinderkultur: Produktiver Umgang mit Büchern (B. Hurrelmann)

4. Teil: Leseförderung (R. Bamberger)



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06.04.2003


 

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