Leseförderung in der Grundschule

schriftliche Ausarbeitung in Ergänzung des Referats von A. Bars, N. Blöhm, M. Happel, K. Ismer
Verfasserin: M. Happel

Kinderkultur: Produktiver Umgang mit Büchern

Ein Artikel von Bettina Hurrelmann (1990)

In dem Artikel geht es um die Schwierigkeit heutzutage - in einer Konsum und Medienwelt - die Kinder zum Lesen zu Motivieren. Die Kinder haben kaum noch Interesse an Geschichten, die sie sich selbst erlesen müssen. Sie sind eingedeckt mit Geschichten, die das Fernsehen oder Hörspielkassetten anbieten. Die Erfahrungswelt zu früher hat sich grundlegend geändert. Da das Warenangebot sich immer mehr vergrößert und auch das Fernsehen bietet immer mehr für die kleinen Kinder an (z.B. Kinderkanal).

Sozialforscher Hans-Günter Rolff meint hierzu " In dieser Konsumwelt erkennt sich das Kind zunehmend nur in den Waren wieder- und die kommen aus einer anderen Lebenswelt, müssen dem Kind also äußerlich bleiben und sind austauschbar." Es ist nicht wie bei der eigenen Aneignung, wo sich die Kinder Selbstbild und Selbstsicherheit, Kompetenz und Urteilsvermögen erarbeiten, (Hans-Günter Rolff 1983, S. 155)

Das Fernsehen ist für die Kinder so attraktiv geworden, so dass es möglich geworden ist, dass sich der Erwachsene ganz aus der Kommunikationssituation mit dem Kind zurückzieht. Die Unabhängigkeit, die die Kinder dadurch erlangen ist erkauft durch den Verlust an persönlichen Beziehung in ihrer geistigen Entwicklung. Wenn sich das Kind dagegen mit Büchern beschäftigt, dann braucht es die Beteiligung des Erwachsenen. Erzählen und Vorlesen leben von der Einbindung in eine dichte und vielschichtige persönliche Kommunikation.

Die Welt die den Kindern im Fernsehen präsentiert wird ist für sie aufregend und glanzvoll und macht die kleine lebbare Umwelt unbedeutend. Obwohl sie verkleinert ist und außerdem ist sie an- und abstellbar, in absurder Mischung, ohne Zusammenhang in sich und erst recht mit der Wirklichkeit. Hentig beobachtet in dieser von Medien durchsetzten Kinderwelt ein gesteigertes Bedürfnis nach Beziehung. Durch das Fernsehen wird eine Ersatzbefriedigung geliefert, die den Menschen doppelt alleine läßt. Es bringt etwas hervor, was Hentig "Hunger auf Person" nennt.

Um das Interesse am Lesen zu Fördern sollte man zu einem spielerischen und produktiven Umgang mit der Sprache übergehen. Dazu gehören alle Formen der Mündlichkeit wie Sprachspiele, Kinderliedern und Phantasiespiele, mündliches Erzählen selbst erlebter oder erfundener Geschichten. "Eigentätigkeit ist die intensivste Form der Aneignung von Erfahrungen und dessen, was sie bedeuten, nicht nur, weil Eigentätigkeit, je nach den Umständen, alle Sinne anspricht, sondern auch deshalb, weil der Produktionsprozeß durchsichtig wird und damit der ganze Bedeutungsumfang ebenso wie das Veränderungspotential" (Hans-Günter Rolff 1983, S. 160) Wenn sich aber niemand für das Interessiert, was die Kinder an den Geschichten interessiert, dann lässt die Eigentätigkeit nach. Ein Kind, das auf seine Fragen, Assoziationen und Erklärungen Geschichten keine Antwort bekommt, das also mit seiner ganzen Verarbeitungstätigkeit auf sich allein gestellt wird, lässt bald nach Bücher zu lesen.

Es ist wichtig, dass den Kindern in ihrer Kindheit vorgelesen wird. Am Anfang, also wenn das Kind noch klein ist, ist es wichtig, dass der Erwachsene, der dem Kind vorliest, den Sinn der Geschichte klar macht. Bei den Anfängen der literarischen Sozialisation kommt es auf die persönliche Beziehung zwischen dem kindlichem Leser und dem Erwachsenen an, er muss dem Kind zu verstehen geben, dass es Sinn macht Bücher zu lesen. Nach Bettina Hurrelmann ist dies die wichtigste Bedingung für erfolgreiche literarische Sozialisation.

Geschichten und Kinderbücher sind unter diesem Blickwinkel vor allem ein Angebot zur Stärkung der Kindlichen Eigentätigkeit, und das heißt hier: Anregung ihrer Wahrnehmungs- Phantasie und Gestaltungdfähigkeit. Wenn es der Lehrerin gelingt, diese Momente der "Eigentätigkeit" und der "personalen Beziehung" zu organisierenden Bezugspunkten des Umgangs mit Kindern und Büchern zu machen, also Lesen und Leben in der Schule zu verbinden, so braucht sie die Kinder keineswegs mit der "ungehörten Geschichte" zu ködern, die alles Fern-Gesehene übertrifft.

"Eigentätigkeit" und " personale Beziehung", das könnten Schlüsselbegriffe für die Aufgabe sein, die die Schule - heute mehr denn je - mit der Einführung in das Bücherlesen zu verbinden hätte.

Die Schule muss heute viele wichtigen Aufgaben übernehmen, die die Eltern nicht mehr übernehmen. Dazu gehört auch das Lesen, das in vielen Familien als eine einsame, ganz und gar individuelle Tätigkeit aufgefasst wird. Zum literarischen Lernen bedarf es nicht nur der Eigentätigkeit und der personalen Kommunikation, sondern auch der konstanten Einbindung der Lernprozesse in Soziale Situationen. Beispiele dafür, wie man das Lesen für die Kinder als Erlebnis macht findet man bei:

Babara Völker-Hill, die es auf der Basis von Autorenlesungen und besonderen Projekten macht. Diese reichen bis in die Freizeitaktivitäten von Kindern und interessierten Erwachsenen.

Heide Niemann: Sie zeigt Möglichkeiten bei der Zusammenarbeit von Schule und Bibliothek vom ersten Tag an, wobei an man den Kinderäußerungen deutlich erkennt, dass sie ihre erste Leseerfahrung einem Erwachsenen verdanken, der seine eigene Begeisterung für die Literatur glaubwürdig vermittelt hat.

Hilde Friedmann, zeigt deren Erfahrungsbericht, dass Drittklässler eine Bindung zu ihrem Buch aufbauen.

Zum Schluss wird die Frage gestellt, welche Bücher das Leseinteresse von Kindern wecken. Der Kinderliteraturwissenschaftler Hans-Heino Ewers ist der Meinung, dass die Kinder Geschichten brauchen, die eine leicht erkennbare Bewandtnis haben, erst für Leser von 8-10 Lebensjahren kann der psychologische Kinderroman neben das Geschichtenerzählen treten. Ewers beschreibt den Übergang von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit bei Kindern so: " Wie die alte Erzählkunst die die Menschheit auf historischer Ebene auf diesem Wasndel begleitet hat, so begleitet auf biographischer Ebene die Kinderliteratur den einzelnen aus seiner Ursprünglichen Oralität in die Welt der Schriftkultur."

Diese Theorie lässt zwei wichtige Probleme offen und ungeprüft:

  1. Welche Gestalt hat der Übergang von der Mündlichkeit in die Schriftlichkeit in einer Zeit, in der die meisten Kinder vom Babyalter an über "Kommunikationskonserven" in der Form von Geschichten- Hörspiel- und Liederkassetten, Schallplatten, Videofilmen und der Angebote des Fernsehens verfügen? Zählen diese Erfahrungen heutiger Kinder zur "ursprünglichen Oralität" schon zur Literalität, oder spielen sie beim Literaturerwerb überhaupt keine Rolle?

  2. Welche Bedeutung hat die Kommunikationssituation für die Zugänglichkeit kinderliterarischer Texte, welche Spielräume des Textverständnisses eröffnet sie? Also: In welcher Beziehung steht die von Ewers empfohlene Lehrhaftigkeit der Texte für Kinder zu der in diesem Aufsatz betonten Bewandtnis einer verlässlichen personalen Erzähl- und Lesesituation?

Nach der Erfahrung von Bettina Hurrelmann wirken genau diese Faktoren in die Leserealität von Kindern komplexer zusammen, als man erfassen kann. Wichtig bei der Leseerziehung in der Schule und der richtigen Auswahl von Büchern ist der Austausch von Nachrichten unter den Lehren. Heide Bambach z.B. schreibt, dass Schüler über lange Zeit hin von Texten fasziniert waren, die die Kinder von sich aus nicht lesen würden, da sie sprachlich und gedanklich vielschichtiger sind als die für ihre Altersstufe der 8-10 jährlichen vorgesehen. Das waren Vorlesebücher, wie "Ronja Räubertochten" (A. Lindgren), "Ben liebt Anna" (P. Härtling), "Servus Opa, sagte ich leise" (Elfie Donelly)- aber auch "Die Insel der blauen Delfine"(Scott O`Dell), "Julie von den Wölfen" (Jean Craig George) und "Momo" (Michael Ende). Gerade die schwierige Erzälform het die Kinder zu eigenen Texten angeregt. Aus Bambachs Bericht wird klar, welche Bedeutung Situation und Person für die Aneignung von Literatur haben. Man sollte deshalb wohl von einer dreigliedrigen Wirkungsstruktur ausgehen: Situation, Person und Texte kommen zusammen.

©opyright Miriam Happel, Berlin, Februar 2000


 

 

1. Teil: Leseförderung (B. Hurrelmann)

2. Teil: Bücherlesen lernt man nicht über Lesebücher! (M. Sahr)

4. Teil: Leseförderung (R. Bamberger)


©opyright Miriam Happel, Berlin, Januar 2000

Sofern im Einzelfall nicht anders geregelt und soweit nicht fremde Rechte betroffen sind, ist eine Verwendung der Dokumente als Teile oder als Ganzes in gedruckter und elektronischer Form für den schulischen Bereich sowie Ausbildungszwecke gestattet, unter der Voraussetzung, dass die Quelle

"d.w. - online": http://www.dagmarwilde.de

genannt wird und diese Anmerkungen zum Copyright beigefügt werden.

Ohne vorherige schriftliche Genehmigung durch die Verfasser/innen ist eine kommerzielle Verbreitung der auf diesem Server liegenden Dokumente ausdrücklich untersagt.

These pages belong to "d.w. - online": http://www.dagmarwilde.de

Permission is hereby granted to use these documents for personal use and in courses of instruction at educational institutions provided that the articles are used in full and this copyright statement is reproduced. Permission is also given to mirror these documents on WorldWideWeb servers. Any other usage is prohibited without the written permission of the author. Please mail.

06.04.2003


 

nach oben

Lernbereich MÄERZ

vorfachlicher Unterricht

Forum

Links

zur Startseite

Lernbereich Deutsch

Fachseminar VU

Unterrichtsmodelle

Willkommen

    Lernbereich Sachkunde Seminarergebnisse Unterrichtsszenarien Sitemap
Aktuelles   Neue Medien Materialien für die Fachseminararbeit Diskussion Ein roter Faden