Zum Lesen verlocken - Umgang mit Kinderliteratur im verbundenen Sprachunterricht - Materialien aus dem Seminar im Wintersemester 1999/2000 (FU Berlin)

Nadine Gottschalk
schriftliche Ausarbeitung zum Referat "Lesesozialisation

 

Medien in der Konkurrenz?
Leseverhalten und Mediennutzung bei Kindern


In diesem Teil der Hausarbeit, soll das Thema " Kinder und Medien" erörtert werden. Die Medien die hier angesprochen werden beziehen sich verstärkt auf die Medien Fernsehen und lesen.

Fernsehen und Lesen - Ein Verdrängungswettbewerb?

Zu diesem Thema ist auch eine öffentliche Diskussion entstanden, die behauptet, dass die Ausbreitung des Fernsehens eine Gefährdung für Presse und Buch darstellt. Man spricht von einem Verdrängungswettbewerb zweier Medien. Dabei zeigt die Geschichte der Kommunikationsformen, dass mit dem Aufkommen neuer Medien sich lediglich Funktionsdifferenzierungen ergaben, allerdings keine unmittelbare Verdrängung. Weder hat die Schrift die mündliche Kommunikation ersetzt, noch das Telefon den Brief, noch das Fernsehen das Theater.

Zu unterschiedlich sind die Funktionen die die einzelnen Medien erfüllen. Richtig ist, dass sich das Verhältnis der Medien zu einander verändert, sobald ein neues hinzutritt. Aussagen über Verdrängung sind nicht möglich, da das Leseverhalten über längere Zeiträume betrachtet werden müsste. Solche Untersuchungen sind bisher nicht durchgeführt worden. Was man aber bisher weis: Seit der Einführung des hochkommerzialisierten Fernsehens sind die Sehzeiten von Kindern angestiegen. Kinder nutzen vor allem die Angebote der privaten Sender. Hinzu kommt, dass gerade die privaten Sender fast rund um die Uhr Filme für Kinder zeigen (z. B. Kinderkanal sendet täglich Zeichentrickfilme und Kinderserien von 06:00 - 19:00 Uhr).

Einfluss der Medien auf die Kinder

Kinder werden durch die elektronischen Medien heute unabhängiger von den Erwachsenen und sind früher in der Lage, an deren Informations- und Unterhaltungswelt teilzunehmen. Dabei spielen die sozialen und kulturellen Bedingungen ihrer Familien eine große Rolle.

Kinder können heute in verschiedenen Medienumwelten zu Lesern werden, allerdings ist die Einschränkung des Fernsehkonsums eine wichtige Entwicklungsbedingung. Nicht nur Kinder buchorientierter Eltern haben Freunde im Umgang mit Büchern, sondern auch die Kinder, deren Eltern eine Vielzahl von Medien nutzen. Deutlich verringert sind allerdings die Lesechancen für Kinder, deren Eltern ihren Mediengebrauch auf wenige elektronische Medien einschränken und den Printmedien insgesamt aus dem Weg gehen.

Die kindliche Leseentwicklung kann also mit vielfältigen Medienaktivitäten in der Familien durchaus existieren. Dennoch haben Kinder, deren Eltern nur selten die modernen Unterhaltungsmedien nutzen und Bücher in den Vordergrund stellen die günstigeren Bedingungen sich zu Lesern zu entwickeln. Dabei wird deutlich, wie wichtig der frühzeitige Kontakt des Kindes mit dem Buch ist. Die Kinder dieser buchorientierten Kinder lesen deutlich häufiger und widmen den Büchern mehr Zeit. Im Vergleich mit allen übrigen Kindern sehen sie durchschnittlich über ein halbe Stunde weniger fern pro Tag.

In dieser Familiengruppe ist das obere Bildungsniveau überrepräsentiert. Dazu passt, das Familien höherer Schicht und Bildung ihre Kinder sparsamer mit eigenen elektronischen Mediengeräten ausstatten, dafür aber reicher mit Büchern. Während für die Gesamthaushalte die Geräteausstattung mit den Familieneinkommen steigt, gelten für den Medienbesitz der Kinder andere Bedingungen. Insbesondere dem unkontrollierten Fernseh- und Videogebrauch wird in Familien mit höherem Sozialstatus offenbar dadurch vorgebeugt, dass die Kinder keine eigenen Geräte, dafür aber mehr Bücher besitzen. Die Beobachtungen sprechen dafür, dass Eltern mit höherer Bildung durchaus eine Konkurrenz der Medien für ihre eigenen Kinder in Rechnung stellen und hier zu Gunsten des Buches zu steuern versuchen.

Vergleicht man die Extremgruppen der Viel- und Wenigleser, so zeigt sich aber, dass das Buchlesen nicht einfach das Fernsehen ersetzt. Die Zeit, die die Kinder mit dem Lesen verbringen, wird nur teilweise von dem Zeitbudget für das Fernsehen abgezogen.

Die Buchlesedauer liegt bei den viellesenden Kindern etwa gleich auf mit der Fernsehdauer. Das Fernsehen ist bei den meisten Familien viel selbstverständlicher in den Familienalltag eingegliedert, als die Zuwendung zu Büchern. Solange und soviel fernsehen zu können wie man will, ist für viele Kinder zum Signum von Erwachsenen geworden.

Was ist Lesen? - Was ist Fernsehen?

Wie wirken diese Medien auf uns und was bewirken sie?

Lesen ist eine unersetzbare, konzentrierte Übung des Denkens. Lesen hat aber nicht nur eine sprachliche und kognitive Seite, auch emotionale Prozesse laufen beim Verstehen immer mit. Verstehen ist hier im hohen Maße eine intime emotionale Teilnahme an fremden Erfahrungen.

Literarische Texte lassen uns fremde Erfahrungsperspektiven nachvollziehen, setzen verschiedene Perspektiven mit einander in Beziehung und regen dazu an, über Gründe und Folgen verschiedener Sichtweisen nachzudenken. Vergleicht man aber nun die literarischen Texte mit den Bildmedien, so zeigt sich, dass das Verhältnis eines Filmes ebenfalls durch eine Perspektivenübernahme bestimmt ist. Sie kann sogar ganz konkret durch die Kameraeinstellung gesteuert werden.

Beim Lesen erfolgt aber die Übernahme der Erfahrungsperspektive einer fremden Figur in einem sprachlich - begrifflichen Zusammenhang, der den Prozess der Identifikation verlangsamt und erschwert, ihn andererseits bereichert durch die verschiedensten Möglichkeiten. Auf verbale Beschreibungen reagieren wir mit individuellen Vorstellungen. Auch die Zeitdimensionen kann den Unterschied zusätzlich verdeutlichen: Einen Roman zu lesen beschäftigt uns vielleicht eine Woche, während wir die entsprechende Verfilmung in einer Stunden ansehen können.

Das Fernsehen trainiert Kinder sich schnell zu identifizieren und sich ebenso wieder umstandslos zu lösen. Die Wirkung des Fernsehens besteht in der Wirkung der Dominanz emotionaler Wirkungen und deren Stabilität, ohne das nach kurzer Zeit noch bewusst wäre, woher sie eigentlich gekommen sind. Die kognitive Verarbeitung gerät dabei ins Hintertreffen. Direkte eigene Erlebnisse verschmelzen, ohne das dies bewusst geschieht.

Das Lesen dagegen erschwert und vertieft den Zugang zu fremder Erfahrung. Wir brauchen Zeit, um uns lesend einzuleben in die Erlebnisweise einer fremden literarischen Figur, weil wir das Ganze ihrer Welt nur aus Wörtern und Sätzen konstruieren können - damit aber auch mit Fassetten, Meinungen, Bewertungen, Erinnerungen - kurzum mit vielfältigen Bedeutungsmodalitäten konfrontiert werden und uns ein eigenes "Bild" machen müssen. Weil das Lesen sprachliche und begriffliche Kompetenzen, Differenzierungen von Perspektiven, emotionale Beteiligung und Konzentration auf das Verstehen einübt, ist die Lesekompetenz entscheidende funktionelle Voraussetzung auch für die kompetente Nutzung anderer Medien. Das Lesen stellt somit eine Schlüsselfunktion für die Medienkultur dar.

Eine Studie die 1986 von Bonfadelli und Saxer durchgeführt wurde zeigt, dass regelmäßige Leser unter den Jugendlichen (unabhängig von der Schulbildung) aus informativen Sendungen des Fernsehprogramms mehr profitieren, als die gewohnheitsmäßigen Fernsehkonsumenten.

Während das Fernsehen gemein hin als leichte Kost gilt hat das Buch das Image eines "Ernsten Mediums", das Konzentration und bewusste willentliche Zuwendung erfordert.

Fleißige Leser sind deshalb auch verständigere Fernsehzuschauer, weil sie es gewohnt sind, den im Vergleich zum Zeigemedium Fernsehen immer relativ abstrakten Schrifttext durch eigene Kombinationen und Schlüsse zu ergänzen, statt einfach in die Bilderflut einzutauchen.

Man sollte allerdings keine zu hoch gesteckten Qualitätsanforderungen an die Bücher stellen. Es lässt sich nämlich kein Zusammenhang zwischen der literarästhetischen Qualität der bevorzugten Texten und der Ausbildung stabiler Lesegewohnheiten feststellen.

Fazit: Erlaubt sein sollte, was einem gefällt!

©opyright Nadine Gottschalk, Berlin, Januar 2000


 

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06.04.2003


 

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