Zum Lesen verlocken - Umgang mit Kinderliteratur im verbundenen Sprachunterricht - Materialien aus dem Seminar im Wintersemester 1999/2000 (FU Berlin

Ramona Richtzenhain
schriftliche Ausarbeitung zum Referat
"Geschlechtsspezifische Leseneigungen"

Lesesozialisation in der Familie

1. Untersuchungsbefunde

In den Jahren 1991/92 wurde von der Uni Köln eine Studie durchgeführt die das Leseverhalten in Familien auf den Grund gehen sollte. In dieser Studie wurden 200 Familien mit Kindern im Alter von 11 und 12 Jahren befragt. Es wurden nicht nur die Kinder, sondern außerdem unabhängig voneinander auch die Eltern befragt, um dem interaktiven Charakter der Sozialisation Rechnung zu tragen. Ebenfalls wurde das Bücherlesen im Kontext des gesamten Mediensgebrauchs der Familie untersucht. Das Lesen wurde nicht nur in seiner quantitativen Dimension, sondern mehrdimensional erfasst. Neben der Häufigkeit und der Dauer des Lesens wurden auch die Lesefreude, die Lesehemmungen, die Leseerfahrungen, die Leseinteressen sowie die literarische Qualität der von den Kindern gelesenen Büchern berücksichtigt. Da es sich um Schulkinder handelte, ist der relative Einfluss der Schule im Vergleich zu dem der Familie ermittelt wurden. Insbesondere wurde auf die Auswirkungen der von den Kindern wahrgenommenen Bedingungen und Qualitäten des schulischen Literaturunterrichts geachtet.

Gegenüber allen kulturkritischen Visionen konnte festgestellt werden, dass der überwiegende Teil der Kinder gern und häufig liest. Absolute Nicht-Leser sind in der Untersuchung nicht aufgetaucht. Die Hälfte der Kinder sagen von sich selbst, dass sie in ihrer Freizeit gerne lesen, nur sehr wenige verneinten die Frage. Die durchschnittliche tägliche Buchlesedauer beträgt zwischen 35 und 50 Minuten, dies ist abhängig vom Wochentag. Am Wochenende wird mehr gelesen als an Werktagen. Insgesamt betrachtet spielt das Buch im Alltag der Kinder eine größere Rolle als in der Freizeit der Väter. Die Lesezeiten dagegen liegen im Durchschnitt etwas hoher als die der Kinder. Mütter lesen auch häufiger als Väter. Wie es sich hier schon zeigt, sind die Mütter für die Leseentwicklung der Kinder die zentrale Bezugsperson.

Berücksichtigt man auch den weiteren Mediengebrauch, macht es sich bemerkbar, dass es auch in Familien, in denen eine Vielzahl von Medien regelmäßig genutzt werden, es Kinder gibt, die große Freude an Bücher haben. Es macht sich aber auch bemerkbar, dass in den Familien, wo der Fernsehkonsum etwas eingeschränkt ist, die Kinder deutlich häufiger und anspruchsvollere Literatur lesen.
Leider wird in der Studie kein Zweifel daran gelassen, dass heutzutage die Familien im Allgemeinen den Kindern die reiche Chance bieten, eher zu Fernsehkonsumenten als zu Lesern zu werden.

Wie es sich zeigt baut sich die Leseentwicklung der Kinder vor allem Über die sozialer, Bezüge der Lesetätigkeit in der Familie auf. Das Lesevorbild der Eltern ist wichtig. Als Lesevorbild. steht für die meisten Kinder die Mutter im Vordergrund. Der Vater spielt nur eine sehr geringfügige Rolle. Das Lesen der Väter wird eher als selbstbezogen, mit einer größeren Distanz zum Familiengeschehen, gesehen. Mütter dagegen verbinden ihr Leseinteresse eher mit der Förderung der Kinder. Mütter sind auch diejenigen, die ihre Kinder an Bücher heranführen, indem sie mit ihnen in Buchhandlungen und Bibliotheken gehen. Ebenfalls passen Mütter sich mehr den Leseinteressen der Kinder an, z.B. mit dem Harry Potter-Phänomen vergleichbar.

Bei der Untersuchung wurden nicht nur bei Vätern und Müttern, sondern auch bei Jungen und Mädchen deutliche Unterschiede im Lesen gefunden. Obwohl Mädchen nicht intensiver im Lesen gefördert werden, entwickeln, sie eine größere Lesefreude, lesen häufiger und länger als Jungen. Mädchen und Jungen unterscheiden sich auch in ihren Leseinteressen. Sie bevorzugen unterschiedliche Buchgattungen. Während Mädchen eher zu erzählender Lektüre greifen, bevorzugen Jungen Sachbücher. Auch von der schulischen Leseförderung profitieren die Mädchen stärker als die Jungen. Möglicherweise liegt es daran, dass es überwiegend Frauen sind, die als "Lese-Lehrerinnen" auftreten. Egal ob es die Mütter, Kindergärtnerinnen oder Lehrerinnen sind. Vielleicht fällt es den Mädchen leichter ihre Leseanregungen wahrzunehmen als den Jungen.

Der Aspekt der geschlechtsspezifischen Leseneigung soll nun näher betrachtet werden.

2. Hintergrund

Wenn man die Problematik "Jungen und Mädchen in der Schule" betrachtet, geht es fast ausschließlich um die Benachteiligung der Mädchen. Betrachtet man der Sprache, trifft man auf den umgekehrten Fall. Verschiedene Untersuchungen weisen eine sprachliche Überlegenheit der Mädchen aus, was sich in der Schule mit besseren Zensuren in Deutsch bemerkbar macht. Dieselben Studien zeigen noch weitere Trends auf. Mädchen haben durchweg bessere schriftsprachliche Leistungen als Jungen. Betrachtet man die Extremgruppen, gute Leser - schlechte Leser, sind Mädchen bei den guten und Jungen bei den schlechten überrepräsentiert. Das soll aber keine Vorverurteilung sein, es gibt genauso sehr gute männliche Leser und genauso sehr schlechte Leserinnen. Bei genaueren Betrachtungen zeigen sich ganz andere Tendenzen. Für das Lesen zeigt sich, dass die Jungen beim Lesen von Gebrauchs- und Sachtexten gleich gut, oder sogar besser als Mädchen abschneiden. Die Überlegenheit der Mädchen beschränkt sich auf die in der Schule dominierende Textsorte, die Erzählung.

Beim Schreiben verhält es sich ähnlich. Wörter die eher zum männlichen Spektrum zählen (z.B. Computer, Torwart) werden von Jungen häufiger richtig geschrieben. Daraus lässt sich eine These formulieren: "Jungen schreiben und lesen nicht generell schlechter als Mädchen, sondern sie schreiben und lesen anderes (richtig)."

2.1. Erklärungsmodelle

Um die Überlegenheit der Mädchen im schriftsprachlichen Bereich erklären zu können, wurden im wesentlichen zwei Faktorengruppen, die biologische und die soziologische, zu Grunde gelegt.
Die biologische Erklärungen zielen darauf ab, dass Frauen sozusagen "mit beiden Hirnhälften" lesen und schreiben können, im Gegensatz zu den Männern.
Die soziologischen Erklärungen gehen davon aus, dass Lesen und Schreiben reine "Frauensachen" sind und deshalb für Jungen nicht sehr wichtig erscheinen.
Aber beide Erklärungsmodelle sagen von sich selber, dass sie für, sich genommen zu einfach sind.

Quellen:
Praxis Deutsch 123 1/94 Seite 3 - 9.
Richter/Brügelmann: Mädchen lernen anders, anders lernen Jungen, Konstanz 1994.
Martina Gilges: Lesewelten, geschlechtsspezifische Nutzung von Büchern bei Kindern und Erwachsenen. Bochum: Brockmeyer 1992.


 

©opyright Ramona Richtzenhain, Berlin, Januar 2000

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06.04.2003


 

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