Zum Lesen verlocken - Umgang mit Kinderliteratur im verbundenen Sprachunterricht - Materialien aus dem Seminar im Wintersemester 1999/2000 (FU Berlin)

 

Lesesozialisation in der Familie - geschlechtssezifische Leseneigungen


Ramona Richtzenhain, Stefanie Zeidler, Andrea Siwek

Geschlechtsspezifische Leseneigungen


1. Lesesozialisation in der Familie

2. Hintergrund

3. Geschlechtsspezifische Unterschiede (allgemein)

3.1 Erklärungsmodelle

3.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede (speziell)

3.3 Praktisches Beispiel

4. Folgerungen für den Unterricht

5. Anhang (Paper)


 

1. Lesesozialisation in der Familie

In den Jahren 1991/92 wurde von der Universität Köln eine Studie durchgeführt, die dem Leseverhalten in Familien auf den Grund gehen sollte. In dieser Studie wurden 200 Familien mit Kindern im Alter von 11 und 12 Jahren befragt. Es wurden nicht nur die Kinder, sondern außerdem unabhängig voneinander auch die Eltern befragt um dem interaktiven Charakter der Sozialisation Rechnung zu tragen. Ebenfalls wurde das Bücherlesen im Kontext des gesamten Mediengebrauchs der Familie untersucht. Das Lesen wurde nicht nur in seiner quantitativen Dimension, sondern mehrdimensional erfasst. Neben der Häufigkeit und der Dauer des Lesens wurden auch die Lesefreude, die Lesehemmungen, die Leseerfahrungen, die Leseinteressen sowie die literarische Qualität der von den Kindern gelesenen Büchern berücksichtigt. Da es sich um Schulkinder handelte, ist der relative Einfluss der Schule im Vergleich zu dem der Familie ermittelt worden. Insbesondere wurde auf die Auswirkungen der von den Kindern wahrgenommenen Bedingungen und Qualitäten des schulischen Literaturunterrichts geachtet.

Gegenüber allen kulturkritischen Visionen konnte festgestellt werden, dass der überwiegende Teil der Kinder gern und häufig liest. Absolute Nicht-Leser sind in der Untersuchung nicht aufgetaucht. Die Hälfte der Kinder sagen von sich selbst, dass sie in ihrer Freizeit gerne lesen, nur sehr wenige verneinten die Frage. Die durchschnittliche tägliche Buchlesedauer beträgt zwischen 35 und 50 Minuten, dies ist abhängig vom Wochentag. Am Wochenende wird mehr gelesen, als an Werktagen. Insgesamt betrachtet spielt das Buch im Alltag der Kinder eine größere Rolle als in der Freizeit der Väter. Die Lesezeiten der Mütter dagegen liegen im Durchschnitt etwas höher als die der Kinder. Mütter lesen auch häufiger als Väter. Wie es sich hier schon zeigt, sind die Mütter für die Leseentwicklung der Kinder die zentrale Bezugsperson. Berücksichtigt man auch den weiteren Mediengebrauch, macht es sich bemerkbar, dass es auch in Familien, in denen eine Vielzahl von Medien regelmäßig genutzt werden, Kinder gibt, die große Freude an Büchern haben. Es macht sich aber auch bemerkbar, dass in den Familien, wo der Fernsehkonsum etwas eingeschränkt ist, die Kinder deutlich häufiger und anspruchsvollere Literatur lesen. Leider wird in der Studie kein Zweifel daran gelassen, dass heutzutage die Familien im allgemeinen den Kindern die reiche Chance bieten, eher zu Fernsehkonsumenten als zu Lesern zu werden.

Wie es sich zeigt, baut sich die Leseentwicklung der Kinder vor allem über die sozialen Bezüge der Lesetätigkeit in der Familie auf. Das Lesevorbild der Eltern ist wichtig. Als Lesevorbild steht für die meisten Kinder die Mutter im Vordergrund. Der Vater spielt nur eine sehr geringfügige Rolle. Das Lesen der Väter wird eher als selbstbezogen, mit einer größeren Distanz zum Familiengeschehen, gesehen. Mütter dagegen verbinden ihr Leseinteresse eher mit der Förderung der Kinder. Mütter sind auch diejenigen, die ihre Kinder an Bücher heranführen. indem sie mit ihnen in Buchhandlungen und Bibliotheken gehen. Ebenfalls passen Mütter sich mehr den Leseinteressen der Kinder an, was mit dem Harry-Potter-Phänomen vergleichbar ist.

 

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2. Hintergrund

Wenn man die Problematik "Jungen und Mädchen in der Schule" betrachtet, geht es fast ausschließlich um die Benachteiligung der Mädchen. Betrachtet man die Sprache, trifft man auf den umgekehrten Fall. Verschiedene Untersuchungen weisen eine sprachliche Überlegenheit der Mädchen aus, was sich in der Schule mit besseren Zensuren in Deutsch bemerkbar macht. Die selben Studien zeigen noch weitere Trends auf. Mädchen haben durchweg bessere schriftsprachliche Leistungen als Jungen.

3. Geschlechtsspezifische Unterschiede (allgemein)

Geschlechtsspezifische Unterschiede treten also nicht nur bei Vätern und Müttern auf, sondern wurden auch bei Jungen und Mädchen gefunden. Obwohl Mädchen nicht intensiver im Lesen gefördert werden, entwickeln sie eine größere Lesefreude, lesen häufiger und länger als Jungen. Mädchen und Jungen unterscheiden sich auch in ihren Leseinteressen, sie bevorzugen unterschiedliche Buchgattungen. Während Mädchen eher zu erzählender Lektüre greifen, bevorzugen Jungen Sachbücher. Auch von der schulischen Leseförderung profitieren die Mädchen stärker als die Jungen. Möglicherweise liegt es daran, dass es überwiegend Frauen sind, die als "Lese-Lehrerinnen" auftreten, egal ob es die Mütter, Kindergärtnerinnen oder Lehrerinnen sind. Vielleicht fällt es den Mädchen leichter ihre Leseanregungen wahrzunehmen als den Jungen.

Der Aspekt der geschlechtsspezifischen Leseneigung soll nun näher betrachtet werden.

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3.1 Erklärungsmodelle

Um die Überlegenheit der Mädchen im schriftsprachlichen Bereich erklären zu können, wurden im wesentlichen zwei Faktorengruppen, die biologische und die soziologische, zu Grunde gelegt.

Die biologischen Erklärungen zielen darauf ab, dass Frauen sozusagen "mit beiden Hirnhälften" lesen und schreiben können, im Gegensatz zu den Männern. Die soziologischen Erklärungen gehen davon aus, dass Lesen und Schreiben reine "Frauensachen" sind und deshalb für Jungen nicht sehr wichtig erscheinen. Aber beide Erklärungsmodelle sagen von sich selber, dass sie für sich genommen zu einfach sind.

3.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede (speziell)

Es liegen große Unterschiede in der Leseleistung wie auch in weiteren intellektuellen und schulischen Leistungen vor.

Betrachtet man beispielsweise die Extremgruppen gute Leser/schlechte Leser, so sind Mädchen bei den guten und Jungen bei den schlechten überrepräsentiert. Das soll aber keine Vorverurteilung sein, es gibt auch sehr gute männliche Leser und sehr schlechte Leserinnen. Die Leseleistung in bezug auf die Frühleser und Frühleserinnen ist sehr unterschiedlich, da die Streubreite zwischen dem besten und schlechtesten sehr groß ist. Bei genaueren Betrachtungen zeigen sich ganz andere Tendenzen. Während Mädchen eher Abenteuerbücher, Tier- und Pflanzenbücher lesen, sind bei den Jungen Stern- und Pflanzenbücher beliebter, was auch die verschiedenen Begabungsinteressen erklären. Für das Lesen zeigt sich, dass die Jungen beim Lesen von Gebrauchs- und Sachtexten gleich gut oder sogar besser als Mädchen abschneiden. Die Überlegenheit der Mädchen beschränkt sich auf die in der Schule dominierende Textsorte, die Erzählung.

Beim Schreiben verhält es sich ähnlich. Wörter, die eher zum männlichen Spektrum zählen (z.B. Computer, Torwart), werden von Jungen häufiger richtig geschrieben. Daraus lässt sich eine These formulieren: ''Jungen schreiben und lesen nicht generell schlechter als Mädchen, sondern sie schreiben und lesen anderes (richtig) . ''

Am häufigsten von Jungen genannte Jungen-
und von Mädchen genannte Mädchenwörter

Jungen-Wörter

%

Mädchen-Wörter

%

Fussball

Auto(s)

Arschloch

Lego

Cool

Spielen

Basketball

Tennis

Geil

Handball

Computer

Dinosaurier

Prügeln

Tischtennis

Fernsehe(r/n)

Ärgern

Ficke(r/n)

Judo

Karate

Kondom(e)

Pirat(en)

Gameboy

Kloppen

Musik

Stark

Scheisse(n)

Sex(y)

Schwimmen

54,8

35,2

12,2

10,4

9,6

8,7

8,2

8,2

8,2

8,2

7,8

7,8

7,0

7,0

6,5

6,5

6,1

6,1

6,1

5,7

5,7

5,7

5,7

5,7

5,7

5,2

5,2

5,2

Puppe(n)

Barbie(s)

Reiten

Malen

Pferd(e)

Seilspringen

Gummitwist

Spiel(en)

Ballett

Kleide(r)

Blumen

Lesen

Katze(n)

Basteln

Tanzen

Tier(e)

Rock

Schön

Haare

Lieb(e/n)

Ohrring(e)

Schwimmen

Baby(s)

Blöde(er)

Hund(e)

Junge(n)

Musik

Schmuck

Sticker

Süß

Tennis

Doof

Haarreifen

Lang (Haare)

Röcke

51,9

28,3

20,8

19,8

18,4

16,5

16,0

14,2

12,7

11,3

10,8

10,4

9,9

8,5

8,5

8,5

7,1

7,1

6,6

6,6

6,6

6,1

6,1

6,1

6,1

6,1

6,1

6,1

6,1

6,1

6,1

5,2

5,2

5,2

5,2

3.4 Praktisches Beispiel

Dass das Leseverhalten und die Leistungen im Deutschunterricht vom Interessengebiet des Schülers/der Schülerin abhängt, zeigte Milhoffer 1993 in einem Versuch. In einer Klasse mussten sich die Schülerinnen und Schüler folgenden Text durchlesen und dazu Fragen beantworten:

"Horst, Susanne und Stefan hatten eine Eisenbahn bekommen. Sie war auf einer Platte befestigt. Die Schienen führten über Berge und Brücken, durch Täler und Wälder. Der Vater hatte alles im Keller gebastelt. Der Bahnhof hatte drei Gleise. Auf der Strecke gab es Weichen und Signale. Susanne gefiel das kleine Sägewerk am besten, das auf dem Berg stand. Stefan freute sich über die Lichter am Bahnhof und in den Häusern. Vater erklärte die Eisenbahn. Horst sollte die Signale und Weichen bedienen. Susanne durfte die elektrische Anlage einschalten. Der Zug fuhr einige Male im Kreis herum. Dann sollte er auf das Abstellgleis. Aber Horst hatte die Weiche falsch gestellt. Der Zug entgleiste. Horst war ganz weiß vor Schreck. Aber der Vater sagte:"Du wirst es schon noch lernen."."

Es stellte sich heraus, dass es bei Begriffs- bzw. Wort-Bild-Zuordnungen keine geschlechtsspezifischen Unterschiede gab. Wurden jedoch Aufgaben zur Sinnentnahme gestellt, so schnitten die Mädchen schlechter ab als die Jungen. Das lag zum einen daran, dass die Fragen zum Text eher auf die Wissenskenntnisse der männlichen Leser zugeschnitten waren. Zum anderen fehlte es den Mädchen an Motivation sich mit dem Text auseinanderzusetzen. Denn bei Untersuchungen des Textinhaltes kam heraus, dass die Mädchen nur Randfiguren darstellten und dass die Handlungsabläufe eher die Jungen ansprachen.

Dieser Versuch verdeutlicht also, dass die Leistung von den Interessen des einzelnen Schülers abhängt und es keineswegs so ist, dass Jungen generell schlechter in Deutsch sind als Mädchen.

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4 Folgerungen für die pädagogische Arbeit

Diese Ergebnisse zeigen, dass dem individuellen Eingehen auf Schüler eine sehr große Bedeutung zugeschrieben wird. Ein an den Ineressen der Kinder orientierter Unterricht muss möglichst für jedes einzelne Kind die Möglichkeit bieten, von seinen Vorlieben auszugehen und darf nicht nur die Lesekompetenzen der Mädchen honorieren. Denn jeder Leser trägt in sich selbst mehrere, oft stark divergierende Lesebedürfnisse, abhängig von psychischen, emotionalen, sozialen, lebensgeschichtlichen und intellektuellen Momenten.

Für die Steigerung der Lesemotivation sind das Vorlesen, die Miteinbeziehung von Freizeitliteratur, Bücherstunden, eine Klassenbücherei, die nicht nur Kinderbücher, sondern auch Kinder-Sachbücher zu verschiedenen Themen enthält, sowie regelmäßige Buchvorstellungen ein bedeutsamer Weg der Heranführung von Kindern an Bücher. Dafür ist es zum einen wichtig den Unterricht so interssant wie möglich zu gestalten, zum anderen muss der Lehrer eine positive Ausstrahlung zu Büchern haben.

Quellen:

Praxis Deutsch 123 1/94 Seite 3-9

Richter/Brügelmann: Mädchen lernen anders, anders lernen Jungen, Konstanz 1994

Martina Gilges: Lesewelten, geschlechtsspezifische Nutzung von Büchern bei Kindern und Erwachsenen. Bochum: Brockmeyer 1992

Grundschule 1/91, 12/98, 12/99

5. Anhang (Paper)


R. Richtzenhain, S. Zeidler, A. Siwek

Geschlechtsspezifische Leseneigungen

1. Lesesozialisation in der Familie

2. Hintergrund

2.1 Erklärungsmodelle

3. Geschlechtsspezifische Unterschiede

3.1 allgemein

3.2 speziell

3.3 Praktisches Beispiel der Interessen

3.4 Erklärungshintergrund: Interessenforschung

4. Folgerung für die pädagogische Arbeit

1. Lesesozialisation in der Familie

1.1. Hintergrund

ab als Mädchen, deren Überlegenheit beschränkt sich auf Erzählungen

Mädchen und Jungen schreiben und lesen ihre Interessenwörter häufiger richtig als Wörter, welche sie nicht so interessant finden

2. Erklärungsmodelle

2 Faktorengruppen: biologische und soziologische - diese Erklärungsmodelle sind zu einfach

3. Geschlechtsspezifische Unterschiede

3.1 allgemein

- entwickeltere Lesefertigkeit

- lesen technisch besser

- Mädchen haben ein undistanzierteres und affektiv reicheres Verhältnis zum Buch

3.2 speziell

a) Frühlesequote

b) Leseleistung

c) Leseverhalten und Lektüreninteresse

d) Begabungsinteressen

3.3 Praktisches Beispiel der Interessen

schiede zwischen den Geschlechtern gab

3.4 Erklärungshintergrund: Interessenforschung

    1. die höhere Abhängigkeit der Rechtschreibleistung der Jungen vom Wortinhalt

    2. die höhere Leseleistung der Jungen bei den von ihnen bevorzugten Textsorten

     

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4 Folgerungen für die pädagogische Arbeit

Kinder-Sachbücher zu verschieden Themen

Quellen:

Grundschule 12/99 S.38-40

Grundschule 1/91

Grundschule 12/98

Praxis Deutsch 123 1/94 S. 3-9

Richter/ Bringelmann: Mädchen lernen anders als jungen; Konstanz 1994

PD 111 1/92



©opyright bei den Verfasserinnen, Berlin, Januar 2000

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06.04.2003


 

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