Dagmar Wilde • SS 00 / FUB • 12413 S

"Planung von Unterrichtssequenzen zum Texte verfassen in der Grundschule"


Journalschreiben als seminarbegleitende Tätigkeit


Journal der Gruppe 3:
Schreiben zu Märchen
und Feedback zu den Überlegungen

Silke Bull, Evelyn Bußmann, Corinna Kleige, Sabine Uka


Journal 15.05.2000

Fragen aus dem Plenum vom 5.6.2000

Journal zum Arbeitsstand 22.06.2000

Arbeitsergebnis 10.07.2000

Thema: Kreatives Schreiben von Märchen


Grundkonzept: Entwurf 15.05.2000

Ziel allgemein

Sachstruktur:

  • Definition Märchen

  • Quellen: Lüthi, Max (1979): Märchen. Metzler Verlag, Stuttgart.

  • Wührl, Paul-W. (1984): Das deutsche Kunstmärchen. Quelle & Meyer, Heidelberg.

Praxis Deutsch 103/1990

Grundschule 12/1995
Grundschulzeitschrift 134/2000

Didaktisch-methodische Entscheidung:

  • Märchen sind für Kinder wichtig.

warum?

  • Märchen sind eine Quelle für Kreativität.

warum?

  • Quelle: Bettelheim, Bruno (1990): Kinder brauchen Märchen. Dtv, München.

das ist richtig, da finden Sie die Antworten

Zielsetzungen:

  • Schüler sollen die Merkmale des Märchens lernen.

wichtig: um welche Merkmale handelt es sich, sollen die Sch alle kennen lernen oder nur ausgewählte Merkmale exemplarisch, wenn ja welche und warum gerade diese

  • Schüler sollen ein eigenes Märchen kreieren und schreiben.

welche Kriterien werden - auch als Lernangebot und Lernhilfe / aber auch um die Texte daraufhin zu konzipieren, zu überarbeiten, zu beurteilen - dazu ausgewählt?

Aufriss der Unterrichtsstunden:

  • Noch keine festen Vorstellungen wegen fehlender Quellen bezüglich der methodischen Durchführung. - Quellen suchen, z.B. Grundschulzeitschrift

  • Vorschläge zur Durchführung aus eigener Erfahrung:
    a) Schreiben von "Elfchen" zum Thema Märchen
    b) Umschreiben eines Märchens/ von Märchenteilen in moderne Fassung
    c) Märchenspiel (s. unten)
    d) In Gruppenarbeit: einer schreibt einen Satz, reicht weiter, der nächste schreibt einen weiteren Satz usw.

  • Klassenstufe wird je nach Methode festgelegt.

nicht nur je nach Methode, vor allem auch je nach inhaltlicher Zielstellung bezüglich der zu erarbeitenden Märchenelemente und Texte (ich glaube nach der Sachklärung sehen Sie hier klarer!)

Zu c.)

Im Raum werden 4 verschiedene Körbchen verteilt. In den Körbchen liegen Zettel zu 4 verschiedenen Märchenbestandteilen: Figuren/Helden, Gaben, Aufgaben und Belohnungen.

Ein Beispiel:

  • Figuren
    ein verwunschenes (Königs-)Kind in Tiergestalt (in welcher?)
    ein armes frommes Mädchen/ ein armer frommer Junge
    der/die Jüngste, das/der verkannte Aschenputtel, Dummling
    das langersehnte, wunderschöne Königskind
    ein weiser König/ eine weise Königin
    ein tapferer Ritter oder Königssohn/ eine tapfere Königstochter
    ein Bursche/ ein Mädchen, der/die sich die Welt besehen will

  • Gaben
    ein Kraut; wenn ich davon esse, verstehe ich die Sprache der Tiere und der Dinge
    ein goldenes Gewand; wenn ich es überziehe, bin ich wunderschön und alle lieben mich
    ein Zaubergürtel; wenn ich ihn trage, wird es mir nie an Mut fehlen
    ein Zauberspiegel; der zeigt mir alle Geheimnisse der Welt und die Zukunft
    Sieben-Meilen-Stiefel; die tragen mich schnell durch die ganze Welt
    Eine Tarnkappe, die mich unsichtbar macht
    Ein Töpfchen mit süßem Brei, das allen Hunger stillt

  • Aufgaben
    der Kampf mit dem Drachen, der das Land verwüstet und die Prinzessin fressen will
    der Wettstreit mit dem großen, dummen Riesen
    das Einhorn fangen im Zauberwald
    eine Nachtwache im Spukschloss, und ich darf weder fliehen noch einschlafen
    drei Fragen der Zauberin; wenn ich die Antwort nicht weiß, kostet es mich den Kopf
    Jahr und Tag leben mit dem Biest, das ein Ungeheuer ist oder vielleicht ein verwunschener Prinz/ eine Prinzessin
    Das Bad im Teich der/s verführerischen Nixe/ Wassermanns, die/der mich in ihr/sein Reich locken und dort mit Zauber festbannen will

  • Belohnungen
    eine wunderschöne Prinzessin/ ein wunderschöner Prinz
    das halbe Königreich
    das Wasser des Lebens
    die Erlösung des verlorenen Kindes
    Goldesel und Tischlein deck dich
    Ein Leben in Zufriedenheit bis an mein seliges Ende
    Die Rückkehr ins Elternhaus

Die Schüler gehen herum und suchen sich auf Anweisung nacheinander eine Figur, eine Gabe, eine Aufgabe (die leicht fällt), eine Aufgabe (die schwer fällt), eine zweite Gabe und eine Belohnung aus. Danach kann darüber gesprochen werden, warum ausgerechnet dieses Stück gewählt wurde.

Oft entwickelt sich schon während des Spiels im Kopf eine Geschichte. Je nach Alter kann variiert werden, Unterstützung gegeben werden usw..

Aus den Teilen wird ein Märchen erfunden und aufgeschrieben. Voraussetzung ist natürlich eine Grundkenntnis, was das Märchen charakteristisch ausmacht.

Genau! Die Methode ist kreativ und motivierend gewählt, aber Sie müssen Ihre Ziele, die Sie mit dem Einsatz dieses Spiels verbinden, genau prüfen, um die Passung zwischen Lerngruppe - inhaltlichen Zielen und gewählter Methode prüfen zu können. Über das Spiel sollen ja Erkenntnisse gewonnen werden (welche), die zu einem vertieften Verständnis der Merkmale des Märchens (welcher) führen sollen

Weitere Überlegungen und Ausführungen können erst mit Hilfe entsprechender Literatur in der nächsten Sitzung angestellt werden.

das ist klar, aber Sie sind bereits sehr weit in Ihren Überlegungen vorgedrungen! Kompliment.


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06.06.2000

Fragen aus dem Plenum vom 5.6.2000:

1. Um welche Art von Märchen handelt es sich? (Volksmärchen, Kunstmärchen, moderne Märchen)

2. Woher kommt das Wort Märchen?

3. Strukturmerkmale / Handlungsmuster

4. Mögen Kinder Märchen? / Motivation

5. Besonderheiten von Märchen: Was zeichnet Märchen aus? Textbausteine?

zu 1:

Wir haben uns dafür entschieden, dass es am besten ist, in der Grundschule nur auf Volksmärchen einzugehen, da wir Kunstmärchen als zu schwierig für Kinder empfinden (psychologischer Hintergrund, Struktur).

zu 2:

Das deutsche Wort Märchen ist eine verkleinerte Form zu "Mär" und stammt vom althochdeutschen Wort "mari" = berühmt und dem mittelhochdeutschen Wort "maere" = Kunde, Bericht, Erzählung ab. Es bezeichnet also ursprünglich eine kleine Erzählung von etwas, was es wert ist, berühmt zu werden (vgl. Max Lüthi: Märchen).

zu 3 und 5:

Wir unterscheiden die Strukturmerkmale, die die Schüler lernen sollen, und die, die wir uns als Sachhintergrund aneignen sollten. In Stichpunkten sind die auffälligsten Strukturmerkmale des Volksmärchens nach Max Lüthi folgende:

a) Handlungsverlauf

- Ausgangslage: Notlage, Aufgabe, Bedürfnis, deren Bewältigung im Verlauf des Märchens dargestellt wird.

- Ende gut: Böse werden bestraft, Gute gewinnen.

- Hauptfiguren: Held/ Heldin (meistens menschlich) - Gegner - Auftraggeber, Helfer, gerettete Personen, Neider, Ratgeber...
(menschlich oder Phantasiewesen wie Zwerge, Hexen, Feen etc.)

- magische Dinge und Alltagsdinge zur Hilfe, z.B. Lebenswasser, Wundervogel, etc.

b) Stilmerkmale

  • Eindimensionalität

  • Flächenhaftigkeit

  • Abstrakter Stil

  • Isolation/ Allverbundenheit

  • Sublimation und Wahrhaftigkeit

Genauere Ausführungen über das Volksmärchen werden von uns in der Sachanalyse behandelt. Kommt bald!

zu 4:

Die Fragen, ob Kinder immer noch für Märchen zugänglich sind und Ob Kinder Märchen brauchen, werden ebenfalls noch weiter ausgeführt. Nach Bettelheim ist aber schon einmal zu sagen, dass zwischen Kindern und Märchen eine gewisse Wesensverwandtschaft besteht:

- gleiches Weltbild

- Egozentrismus

- Polarisierung: Gut - Böse

Schöne Grüße und schöne Pfingsten!

G3 ;-)

(E. Bussmann)


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22.06.2000 Stand der Planung

(E. Bußmann / G3)

1) Sachstruktur

Um zu entscheiden, was am Märchen für Schüler relevant ist, haben wir uns selbst in die Materie "Märchen" eingearbeitet.

Zum Thema Volksmärchen haben wir nach Max Lüthi (1979) folgende Definition erarbeitet:

Die deutschen Wörter Märchen, Märlein sind Verkleinerungsformen zu Mär (ahdt. mari ‚berühmt', mhdt. maere ‚ Kunde, Bericht, Erzählung'), bezeichnen also ursprünglich eine kleine Erzählung von etwas, was es wert ist, berühmt zu werden. Während sie früher auf unwahre, erfundene Geschichten angewendet wurden (siehe zum Beispiel Zusammensetzungen wie lügemaere, tandmaere, gensmär), setzte im 18. Jh. eine Gegenbewegung ein, als unter französischem Einfluss Feenmärchen und Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" in Mode kamen und die Vertreter des Sturm und Drang, z.B. J. G. Herder (1744-1803) in der Volksdichtung einen Quell der Poesie zu entdecken glaubten. Die Romantiker sagten, das Märchen sei der Kanon aller Poesie (Novalis). Im 19. Jh. verstärkten der Erfolg der Sammlungen von den Gebrüdern Grimm (Jacob 1785-1863, Wilhelm 1786-1859) und Bechstein und die Dichtungen H.C. Andersens das Prestige der Märchen.

In der Schriftsprache hat sich das mittelhochdeutsche Wort Märchen durchgesetzt, in den oberdeutschen Mundarten behauptet sich der einheimische Ausdruck Märli (schweizerdeutsch), Märle (schwäbisch). Heute bezeichnen die Begriffe Volksmärchen und Kunstmärchen wertungsfrei bestimmte Erzählgattungen. Dass beide immer noch mit starkem positivem oder negativem Akzent versehen werden können, erkennt man an der spannungsvollen Bezeichnung für etwas Schönes: "So schön wie ein Märchen aus Tausendundeine Nacht" spiegelt die traumhafte Welt wieder; "Erzähl mir keine Märchen" deutet auf eine Welt der Lüge hin.

Das Märchen im Sinne der Grimmschen Volksmärchen kann als kleine, einfache Erzählung meist wunderbaren Inhalts bezeichnet werden, die ihre eigenen Spielregeln, ihre eigene gerechte Weltordnung hat. Auch die grausigste Geschichte geht gut aus und ist so erzählt, dass sie der kindlichen Vorstellung erfassbar wird. Das Volksmärchen hat keinen bestimmten Autor und wird mündlich überliefert, so dass der Text wandelbar ist und Varianten des Inhalts entstehen können. Ein bestimmter Vorrat an Motiven und Formen wird immer wieder eingesetzt.

Das allgemeinste Schema, das dem europäischen Volksmärchen zugrunde liegt, ist folgendes:
Schwierigkeiten und ihre Bewältigung! Die Ausgangslage ist hierbei gekennzeichnet durch einen Mangel oder eine Notlage (z. B.: arme Eltern setzen ihre Kinder aus, die Prinzessin soll dem Drachen ausgeliefert werden,...), durch eine Aufgabe (z. B.: Lebenswasser für den kranken König holen...) oder durch ein Bedürfnis (z. B.: Abenteuerlust, der Wunsch sich zu vermählen...).
Deren Bewältigung wird alsdann dargestellt und findet einen guten Ausgang, den man als Charakteristikum des Märchens zu nennen pflegt.

Hauptfiguren sind Held oder Heldin, beide im allgemeinen der menschlich-diesseitigen Welt zugehörig, und ihre Gegner. Dazu treten Auftraggeber, Neider, Ratgeber und gerettete Personen, wobei sowohl Helfer als auch Gegner oft der außermenschlichen Welt angehören (Hexen, Feen, Zwerge, Riesen, Tiere...) und die Figuren scharf in gut und böse, schön und hässlich, vornehm und niedrig eingeteilt sind. An die Seite der Personen können Alltags- und Zauberdinge treten, die zum Kampf, zur Lösung von Intrigen und Aufgaben, zur Heilung, Erlösung und Rettung dienen (z. B.: Lebenswasser, drei Haare des Teufels, Wundervogel, Schwert, Nüsse, Tisch,...).

Max Lüthi unterscheidet fünf Stilmerkmale, die das europäische Volksmärchen kennzeichnen:

1) Eindimensionalität:

Das Diesseits und das Jenseits stehen in selbstverständlicher Verbindung zueinander; das wunderbare Element wird nie in Frage gestellt. "Der Diesseitige hat nicht das Gefühl im Jenseits einer anderen Dimension zu begegnen".

2) Flächenhaftigkeit:

Den Märchenfiguren fehlt jegliche körperliche und seelische Tiefe, sie besitzen weder Körper- noch Charaktereigenschaften. Innere Befindlichkeiten drücken sich grundsätzlich nur durch äußere Handlungen aus. Blut fließt nur symbolisch!

3) Abstrakter Stil:

Das Märchen verläuft ohne Details wie ein Holzschnitt. Die Figuren haben scharfe Konturen, scharfe Trennung zwischen Gut und Böse. Erwähnt werden auch nur Personen, die wichtig für die Handlung sind. Das Märchen besteht aus mehreren Gliedern, die aneinandergereiht sind ohne Gleichzeitigkeiten. Der Erzählstrang folgt dem Helden. Extreme werden bevorzugt. Formeln, Sprüche und Wiederholungen werden eingebaut.

4) Isolation/ Allverbundenheit:

Die Figuren haben keine Verbindung zu ihrer Umwelt. Die Helden gehen ihren Weg allein und isoliert, sind dadurch aber fähig zur Verbundenheit mit allen und allem: "mit den Wesensmächten der Welt".

5) Sublimation und Wahrhaftigkeit:

Die Märchenmotive entstammen der Wirklichkeit, werden aber entwirklicht durch magische Elemente und mythische Motive. Märchen sind welthaltig und versuchen, die ganze Welt zu umfassen.

Man unterscheidet verschiedene Typen von Volksmärchen:

Bei den Zauber- und Wundermärchen (den wahren Märchen) steht das phantastische Geschehen im Mittelpunkt. Bei den Schwankmärchen dominiert dagegen das Komisch-Scherzhafte. Tiermärchen haben meist dankbare und hilfreiche Tiere zum Erzählgegenstand. Schicksalsmärchen handeln vom vorausgesagten Geschick des Helden. Schreckmärchen haben eine vorrangig lehrreiche Funktion. Eine besondere Gruppe von Märchen bilden die Formelmärchen, die von der variierenden Wiederholung eines Motivs leben: So im Frage- und Neckmärchen, das durch absurde Fragespiele der Unterhaltung von Kindern dient. Die Naturvölkermärchen, die Erzählstoffe schriftloser Kulturen weitertragen, zeigen eine starke Bindung an Mythos und Religion und enden häufig tragisch.

Natürlich sollen die Schüler nach unserer Unterrichtssequenz nicht die gesamte Definition des Volksmärchens kennen. Wir halten es jedoch für wichtig, wenn sie bestimmte Strukturmerkmale wissen, erstens um erkennen zu können, was Volksmärchen überhaupt sind und zweitens um selbst ein echtes Volksmärchen schreiben zu können, was ganz am Ende unserer Sequenz stehen soll. Für eine vierte Grundschulklasse, für die wir die Sequenz planen wollen, halten wir es für ausreichend, wenn die Schüler den groben Handlungsverlauf eines Volksmärchens kennen. D. h. die Schüler sollen folgende Merkmale des Volksmärchens kennen:

1)
Die Ausgangslage ist gekennzeichnet durch eine Notlage, Aufgabe, ein Bedürfnis.

2)
Das Ende ist immer gut: Böse werden bestraft, Gute belohnt.

3)
Bestimmte Hauptfiguren treten auf: Held/in, Gegner, Helfer Auftraggeber, Neider, Ratgeber, gerettete Personen etc. Diese können menschlich oder Phantasiewesen sein.

4)
Begleitet werden die Figuren von magischen Dingen. Alles ist möglich!

2) Didaktisch-methodische Entscheidung:

Im Übungsfeld des Texte Verfassens und besonders des kreativen Schreibens empfiehlt sich unseres Erachtens der Umgang mit Märchen. Das liegt einerseits am Wesen des Märchens selbst: Wie schon erwähnt lebten Märchen über Jahrhunderte in einer mündlichen Erzähltradition, d. h. sie wurden immer wieder verändert und frei gestaltet. Und auch als sie aufgeschrieben wurden, bedeutete dies keine Fixierung, sondern ließ und lässt immer noch viel Raum für Kreativität. Alte Märchen können neu erzählt und abgeändert werden, Erzählelemente werden ausgetauscht, erweitert oder gekürzt. Die Schüler haben im Umgang mit Märchen gute Möglichkeiten, ihre Phantasie zu erweitern und kreative Sprachmöglichkeiten zu erproben, wozu sie zunächst natürlich eine Orientierung am Vorbild brauchen und Anstöße, kreativ produktiv zu werden.

Ein zweites Argument, das uns als wichtig erschien, Kinder allgemein (ob in Form des kreativen Schreibens oder anders) mit Märchen in Berührung zu bringen, stellt Bruno Bettelheim in seinem Buch "Kinder brauchen Märchen" dar: Er behauptet, wie wir fanden recht überzeugend, dass zwischen Kindern und Märchen eine gewisse Wesensverwandtschaft besteht.

Eine Gemeinsamkeit von Kindern und Märchen ist z. B. ihr Weltbild. Die magische Welt des Märchens, in dem alles möglich ist, Zauberer und Hexen die größten Rollen spielen, zauberhafte Dinge passieren, lässt sich häufig auch in der kindlichen Welt wiederfinden; so hat ein Kind im Spiel oft magische Elemente enthalten, es nimmt Kontakt mit belebten und unbelebten Dingen ganz selbstverständlich auf, und Erklärungen für unverständliche Phänomene haben eher magischen als rationalen Charakter. Beide Welten sind außerdem sehr animistisch und anthropomorph: Während im Märchen Dinge beseelt werden und Tiere und Dinge anfangen zu sprechen und menschliche Züge anzunehmen, geben auch Kinder bis zu einem bestimmten Alter den Gegenständen und Bewegungen ein Eigenleben (z. B. hat die Sonne ein Gesicht etc.).

Eine weitere Gemeinsamkeit ist der Egozentrismus: Der Held im Märchen steht genauso wie das Kind in seiner Umwelt im Mittelpunkt.

Und eine letzte Gemeinsamkeit nach Bettelheim ist die extreme Polarisierung in Gut und Böse, die wir im Märchen ganz eindeutig finden. Kinder haben bis zu einem Alter von 8-10 Jahren keine Vorstellung davon, dass zwei entgegengesetzte Gefühle oder Einstellungen in einem Wesen vorgehen können, und übertragen diese Vorstellung auf ihre Umwelt.

Diese Gemeinsamkeiten treffen vielleicht nicht mehr ganz auf die Altersgruppe, mit der wir arbeiten wollen, aber wir finden sie als Hintergrundinformationen sehr interessant. Außerdem nennt Bettelheim neben diesen eher formalen Verbindungen zur Kinderwelt auch einige inhaltliche Aspekte: So werden im Märchen oft Konflikte behandelt, die Kinder auch haben (der Held ist zu klein, zu schwach, dumm; Ablösung von den Eltern, Geschwisterkonflikt etc.). Das Märchen bietet Problemlösungen mit einem gutem Ende als Vorschlag fürs eigene Handeln. Kinder können hierbei sehr gut mit den Symbolen und Bildern des Märchens umgehen und brauchen keine realistischen Erklärungen.

Wir gehen einfach davon aus, dass auch heute die Kinder noch Spaß an Märchen haben, und halten deshalb das Märchen für einen motivierenden und kreativitäts- und phantasiefördernden Schreibanlass.

3) Aufriss der Unterrichtsstunden:

Um einen Einstieg ins Thema Märchen zu finden und um herauszufinden, wie viel Kinder heute noch über Märchen wissen, wollen wir die erste Unterrichtsstunde wie folgt beginnen:

Alle sitzen in einem Stuhlkreis. In der Mitte breitet die Lehrperson ein großes Tuch aus, auf dem verschiedene Utensilien zum Thema Märchen liegen, z. B. eine Feder, eine Krone, eine kleine Hexe, ein Schlüssel und ein Schloss, ein Zwerg, ein Kamm, ein Apfel, ein Ring, eine Murmel usw. Die Schüler sollen spontan zu den Dingen äußern, was sie mit diesen Dingen assoziieren. Jeder Schüler könnte sich eine Sache nehmen und begründen, warum er diese gewählt hat.

Sobald die ersten Assoziationen zum Märchen ausgetauscht wurden, wird ein typisches Volksmärchen vorgelesen (wir sind noch am Suchen, welches wirklich auffällige Strukturmerkmale aufweist, vielleicht Schneewittchen? - zu lang? ). Die Schüler sollen sich überlegen, was ihnen auffällt. Hilfestellungen werden in Form von Fragen geliefert: Welche Personen spielen eine Rolle? Wie sind diese Personen? Anfang und Ende? Etc.

Um die Merkmale zu vertiefen, wollen wir eventuell ein zweites Märchen hinzuziehen, wissen noch nicht genau, wie. Die Merkmale werden schriftlich festgehalten.

Der nächste Schritt ist, dass die Schüler ein Märchen, das weniger bekannt ist (das suchen wir auch gerade!) , nach den erarbeiteten Kriterien zu Ende schreiben sollen.

Die letzte Einheit bildet das Märchenspiel, das wir schon einmal vorgeschlagen haben. Zur Erinnerung:

Im Raum werden 4 verschiedene Körbchen verteilt. In den Körbchen liegen Zettel zu 4 verschiedenen Märchenbestandteilen: Figuren/Helden, Gaben, Aufgaben und Belohnungen.

Die Schüler gehen herum und suchen sich auf Anweisung nacheinander eine Figur, eine Gabe, eine Aufgabe (die leicht fällt), eine Aufgabe (die schwer fällt), eine zweite Gabe und eine Belohnung aus. Danach kann darüber gesprochen werden, warum ausgerechnet dieses Stück gewählt wurde. Aus den Teilen wird ein Märchen erfunden und aufgeschrieben.

Liebe Gruppe 3,

nun doch ein inhaltliches Feedback. Zu so später Stunde raffe ich mich dazu wirklich nur auf, wenn die Sache es wert ist ;)

Die Ausarbeitung ist inhaltlich in der Fundierung und äußerlich im Umgang mit dem Journalschreibens rundum gelungen! Das freut mich sehr!

Ich glaube Sie haben sich damit einen soliden Zugang zu diesem Thema, damit aber auch einen exemplarischen Weg zur Planung anderer Inhalte, erarbeitet. Die Ausgewogenheit zwischen Sach- und Kindorientierung überzeugt.

Grüße

d.w.

Gedanken:

Der Zugang über die Gegenstände ist zur Sache hinführend und Kinder motivierend

Schneewittchen ist vielleicht wirklich recht lang (evtl. anlesen, Sch rekonstruieren lassen - je nach Voraussetzungen der Gruppe (z. T. dürften Sch über Märchen-Kenntnisse verfügen) - dann Merkmale sammeln usw. - also Schneewittchen nicht komplett vorlesen; oder sich wirklich die Zeit nehmen, es vorzulesen, dann liegt der Schwerpunkt auch darauf. Haben Sie mal ausprobiert, wie lange es dauert?

Evtl. die Kinder prüfen lassen, ob die gefundenen Merkmale wirklich verallgemeinerbar sind (L muss nicht alles selbst bieten, zweites Märchen vorlesen kann ersetzt werden durch Lesen der Kinder (arbeitsteiliges Verifizieren der Kriterien...)

jetzt höre ich aber auf - Ihre Planung ist durchdacht, sodass weitere Ideen sprudeln (eigentlich möchte ich Sie das doch selbst konzipieren lassen ;))

Schlussbemerkung: Nun passt auch das Märchenspiel, weil es jetzt inhaltlich eingebettet ist und nicht nur ein motivierendes Ratespiel...



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Seminararbeit

Kreatives Schreiben von Märchen

Von Evelyn Bußmann, Silke Bull, Corinna Kleige

Freie Universität Berlin, FB Erziehungswissenschaft und Psychologie
Lehrveranstaltung: 12413 S "Planung von Unterrichtssequenzen zum Texte verfassen in der Grundschule"

Dozentin: Dagmar Wilde

Abgabetermin: 10.07.2000

1.) Sachanalyse

2.) Didaktische Analyse

2.1 Legitimation

2.2 Lernvoraussetzungen

2.3 Lernziele

3.) Methodische Überlegungen

4.) Literatur

5.) Anhang: Märchenspiel

1. Sachanalyse

Zum Umgang mit dem Märchen haben wir zunächst erarbeitet, wie die Textform des Märchens definiert wird. Unsere Informationen zur Sache stützen sich größtenteils auf Max Lüthi (1979):

Die deutschen Wörter Märchen, Märlein sind Verkleinerungsformen zu Mär (ahdt. mari 'berühmt', mhdt. maere 'Kunde, Bericht, Erzählung'), bezeichnen also ursprünglich eine kleine Erzählung von etwas, was es wert ist, berühmt zu werden. Während sie früher auf unwahre, erfundene Geschichten angewendet wurden (siehe zum Beispiel Zusammensetzun-gen wie lügemaere, tandmaere, gensmär), setzte im 18.Jh. eine Gegenbewegung ein, als unter französischem Einfluß Feenmärchen und Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht" in Mode kamen und die Sturm und Dränger, z.B. J.G. Herder (1744-1803) in der Volksdichtung einen Quell der Poesie zu entdecken glaubten. Die Romatiker sagten, das Märchen sei der Kanon aller Poesie (Novalis). Im 19. Jh. verstärkten der Erfolg der Sammlungen von den Gebrüdern Grimm (Jacob 1785-1863, Wilhelm 1786-1859) und Bechstein und die Dichtungen H.C. Andersens das Prestige der Märchen.

In der Schriftsprache hat sich das mittelhochdeutsche Wort Märchen durchgesetzt, in den oberdeutschen Mundarten behauptet sich der einheimische Ausdruck Märli (schweizerdeutsch), Märle (schwäbisch). He

ute bezeichnen die Begriffe Volksmärchen und Kunstmärchen wertungsfrei bestimmte Erzählgattungen. Daß beide immer noch mit starkem positivem oder negativem Akzent versehen werden können, erkennt man an der spannungsvollen Bezeichnung für etwas Schönes: "So schön wie ein Märchen aus Tausendundeine Nacht" spiegelt die traumhafte Welt wieder; "Erzähl mir keine Märchen" deutet auf eine Welt der Lüge hin.

Das Märchen im Sinne der Grimmschen Volksmärchen kann als kleine, einfache Erzählung meist wunderbaren Inhalts bezeichnet werden, die ihre eigenen Spielregeln, ihre eigene gerechte Weltordnung hat. Auch die grausigste Geschichte geht gut aus und ist so erzählt, dass sie der kindlichen Vorstellung erfassbar wird. Das Volksmärchen hat keinen bestimmten Autor und wird mündlich überliefert, so dass der Text wandelbar ist und Varianten des Inhalts entstehen können. Ein bestimmter Vorrat an Motiven und Formen wird immer wieder eingesetzt. Das allgemeinste Schema, das dem europäischen Volksmärchen zugrunde liegt, ist folgendes: Schwierigkeiten und ihre Bewältigung! Die Ausgangslage ist hierbei gekennzeichnet durch einen Mangel oder eine Notlage (z.B.: arme Eltern setzen ihre Kinder aus, die Prinzessin soll dem Drachen ausgeliefert werden,...), durch eine Aufgabe (z.B.: Lebenswasser für den kranken König holen...) oder durch ein Bedürfnis (z.B.: Abenteuerlust, der Wunsch sich zu vermählen...). Deren Bewältigung wird alsdann dargestellt und findet einen guten Ausgang, den man als Charakteristikum des Märchens zu nennen pflegt.

Hauptfiguren sind Held oder Heldin, beide im allgemeinen der menschlich-diesseitigen Welt zugehörig, und ihre Gegner. Dazu treten Auftraggeber, Neider, Ratgeber und gerettete Personen, wobei sowohl Helfer als auch Gegner oft der außermenschlichen Welt angehören (Hexen, Feen, Zwerge, Riesen, Tiere...) und die Figuren scharf in gut und böse, schön und häßlich, vornehm und niedrig eingeteilt sind. An die Seite der Personen können Alltags- und Zauberdinge treten, die zum Kampf, zur Lösung von Intrigen und Aufgaben, zur Heilung, Erlösung und Rettung dienen (z.B.: Lebenswasser, drei Haare des Teufels, Wundervogel, Schwert, Nüsse, Tisch...).

Max Lüthi unterscheidet fünf Stilmerkmale, die das europäische Volksmärchen kennzeichnen:

1) Eindimensionalität: Das Diesseits und das Jenseits stehen in selbstverständlicher Verbindung zueinander; das wunderbare Element wird nie in Frage gestellt. "Der Diesseitige hat nicht das Gefühl im Jenseits einer anderen Dimension zu begegnen".

2) Flächenhaftigkeit: Den Märchenfiguren fehlt jegliche körperliche und seelische Tiefe, sie besitzen weder Körper- noch Charaktereigenschaften. Innere Befindlichkeiten drücken sich grundsätzlich nur durch äußere Handlungen aus. Blut fließt nur symbolisch!

3) Abstrakter Stil: Das Märchen verläuft ohne Details wie ein Holzschnitt. Die Figuren heben scharfe Konturen, scharfe Trennung zwischen gut und böse. Erwähnt werden auch nur Personen, die wichtig für die Handlung sind. Das Märchen besteht aus mehreren Gliedern, die aneinandergereiht sind ohne Gleichzeitigkeiten. Der Erzählstrang folgt dem Helden. Extreme werden bevorzugt. Formeln, Sprüche und Wiederholungen werden eingebaut.

4) Isolation/ Allverbundenheit: Die Figuren haben keine Verbindung zu ihrer Umwelt. Die Helden gehen ihren Weg allein und isoliert, sind dadurch aber fähig zur Verbundenheit mit allen und allem: "mit den Wesensmächten der Welt".

5) Sublimation und Wahrhaftigkeit: Die Märchenmotive entstammen der Wirklichkeit, werden aber entwirklicht durch magische Elemente und mythische Motive. Märchen sind welthaltig und versuchen, die ganze Welt zu umfassen.

Man unterscheidet verschiedene Typen von Volksmärchen: Bei den Zauber- und Wundermärchen (den wahren Märchen) steht das phantastische Geschehen im Mittelpunkt. Bei den Schwankmärchen dominiert dagegen das Komisch-Scherzhafte. Tiermärchen heben meist dankbare und hilfreiche Tiere zum Erzählgegenstand. Schicksalsmärchen handeln vom vorausgesagten Geschick des Helden. Schreckmärchen haben eine vorrangig lehrreiche Funktion. Eine besondere Gruppe von Märchen bilden die Formelmärchen, die von der variierenden Wiederholung eines Motivs leben: So im Frage- und Neckmärchen, das durch absurde Fragespiele der Unterhaltung von Kindern dient. Die Naturvölkermärchen, die Erzählstoffe schriftloser Kulturen weitertragen, zeigen eine starke Bindung an Mythos und Religion und enden häufig tragisch.

2. Didaktische Analyse

2.1 Legitimation

Im vorläufigen Rahmenplan für Unterricht und Erziehung in der Berliner Schule (Grundschule, Klasse 1 bis 6) im Fach Deutsch von 1988/89, der als Grundlage zur Planung von Deutschunterricht dient, wird immer mehr Wert auf kreatives Schreiben gelegt. Das Teilgebiet des Texte Verfassens sieht in den Klassen 4 bis 6 vor allem das Beenden angefangener Geschichten und das Schreiben von Phantasiegeschichten als mögliche Schreibformen. Im Anhang werden als Literaturvorschläge auch unter anderem Märchen genannt, darunter bekannte Volksmärchen der Gebrüder Grimm, wie z.B. Schneewittchen und Aschenputtel, die wir in unserer Unterrichtsplanung mit einschließen wollen.

Im Übungsfeld des Texte Verfassens und besonders des kreativen Schreibens empfiehlt sich unseres Erachtens der Umgang mit Märchen. Das liegt einerseits am Wesen des Märchens selbst: Wie schon erwähnt lebten Märchen über Jahrhunderte in einer mündlichen Erzähltradition, d.h. sie wurden immer wieder verändert und frei gestaltet. Und auch als sie aufgeschrieben wurden, bedeutete dies keine Fixierung, sondern ließ und lässt immer noch viel Raum für Kreativität. Alte Märchen können neu erzählt und abgeändert werden, Erzählelemente werden ausgetauscht, erweitert oder gekürzt. Die Schüler haben im Umgang mit Märchen gute Möglichkeiten, ihre Phantasie zu erweitern und kreative Sprachmöglichkeiten zu erproben, wozu sie zunächst natürlich eine Orientierung am Vorbild brauchen und Anstöße, kreativ produktiv zu werden.

Ein zweites Argument, das uns als wichtig erschien, Kinder allgemein (ob in Form des kreativen Schreibens oder anders) mit Märchen in Berührung zu bringen, stellt Bruno Bettelheim in seinem Buch "Kinder brauchen Märchen" dar: Er behauptet, wie wir fanden, recht überzeugend, dass zwischen Kindern und Märchen eine gewisse Wesensverwandtschaft besteht.

Eine Gemeinsamkeit von Kindern und Märchen ist z.B. ihr Weltbild. Die magische Welt des Märchens, in dem alles möglich ist, Zauberer und Hexen die größten Rollen spielen, zauberhafte Dinge passieren, lässt sich häufig auch in der kindlichen Welt wiederfinden; so hat ein Kind im Spiel oft magische Elemente enthalten, es nimmt Kontakt mit belebten und unbelebten Dingen ganz selbstverständlich auf, und Erklärungen für unverständliche Phänomene haben eher magischen als rationalen Charakter. Beide Welten sind außerdem sehr animistisch und anthropomorph: Während im Märchen Dinge beseelt werden und Tiere und Dinge anfangen zu sprechen und menschliche Züge anzunehmen, geben auch Kinder bis zu einem bestimmten Alter den Gegenständen und Bewegungen ein Eigenleben (z.B. hat die Sonne ein Gesicht etc.).

Eine weitere Gemeinsamkeit ist der Egozentrismus: Der Held im Märchen steht genauso wie das Kind in seiner Umwelt im Mittelpunkt.

Und eine letzte Gemeinsamkeit nach Bettelheim ist die extreme Polarisierung in Gut und Böse, die wir im Märchen ganz eindeutig finden. Kinder haben bis zu einem Alter von 8-10 Jahren keine Vorstellung davon, dass zwei entgegengesetzte Gefühle oder Einstellungen in einem Wesen vorgehen können, und übertragen diese Vorstellung auf ihre Umwelt.

Diese Gemeinsamkeiten treffen vielleicht nicht mehr ganz auf die Altersgruppe, mit der wir arbeiten wollen, aber wir finden sie als Hintergrundinformationen sehr interessant. Außerdem nennt Bettelheim neben diesen eher formalen Verbindungen zur Kinderwelt auch einige inhaltliche Aspekte: So werden im Märchen oft Konflikte behandelt, die Kinder auch haben (der Held ist zu klein, zu schwach, dumm; Ablösung von den Eltern, Geschwisterkonflikt etc.). Das Märchen bietet Problemlösungen mit einem gutem Ende als Vorschlag fürs eigene Handeln. Kinder können hierbei sehr gut mit den Symbolen und Bildern des Märchens umgehen und brauchen keine realistischen Erklärungen.

Wir gehen einfach davon aus, dass auch heute die Kinder noch Spaß an Märchen haben, und halten deshalb das Märchen für einen motivierenden und kreativitäts- und phantasiefördernden Schreibanlass.

2.2 Lernvoraussetzungen der Schüler

Beim kreativen Verfassen von Märchen setzen wir voraus, dass die Schüler schon vorher Umgang mit Märchen hatten (z.B. haben die Eltern ihren Kindern Märchen vorgelesen), zumindest soweit, dass ein gewisses Grundinteresse an der Erzählform des Märchens vorhanden ist.

Neben einer "normalen" kognitiven und moralischen Entwicklung sind natürlich bestimmte rein arbeitstechnische Voraussetzungen grundlegend: Die Schüler müssen fähig sein, eigenständig Sätze zu formulieren und aufzuschreiben. Ein Grundwortschatz, der im Bezug zum Märchen steht, kann zusätzlich im Unterricht erarbeitet werden und zur orthographischen Sicherheit führen, muss also nicht unbedingt vorhanden sein.

2.3 Lernziele / Didaktische Reduktion

Natürlich sollen die Schüler nach unserer Unterrichtssequenz nicht die gesamte Definition des Volksmärchens kennen. Wir halten es jedoch für wichtig, wenn sie bestimmte Strukturmerkmale wissen, erstens um erkennen zu können, was Volksmärchen überhaupt sind und zweitens um selbst ein echtes Volksmärchen schreiben zu können, was ganz am Ende unserer Sequenz stehen soll. Für eine vierte Grundschulklasse, für die wir die Sequenz planen wollen, halten wir es für ausreichend, wenn die Schüler den groben Handlungsverlauf eines Volksmärchens kennen. D.h. die Schüler sollen folgende Merkmale des Volksmärchens kennen:

1)
Die Ausgangslage ist gekennzeichnet durch eine Notlage, Aufgabe, ein Bedürfnis.

2)
Das Ende ist immer gut: Böse werden bestraft, Gute belohnt.

3)
Bestimmte Hauptfiguren treten auf: Held/in, Gegner, Helfer Auftraggeber, Neider, Ratgeber, gerettete Personen etc. Diese können menschlich oder Phantasiewesen sein.

4)
Begleitet werden die Figuren von magischen Dingen. Alles ist möglich!

Die Schüler sollen in der Lage sein, kreativ ein erlebnishaftes und unterhaltsames Märchen unter Beachtung sprachlicher und formaler Mittel zu gestalten und zu verfassen.

3. Methodische Überlegungen

Um einen Einstieg ins Thema Märchen zu finden und um herauszufinden, wieviel Kinder heute noch über Märchen wissen, wollen wir die erste Unterrichtsstunde wie folgt beginnen:

Alle sitzen in einem Stuhlkreis. In der Mitte breitet die Lehrperson ein großes Tuch aus, auf dem verschiedene Utensilien zum Thema Märchen liegen, z.B. eine Feder, eine Krone, eine kleine Hexe, ein Schlüssel und ein Schloss, ein Zwerg, ein Kamm, ein Apfel, ein Ring, eine Murmel usw.. Nachdem der Lehrer den Anstoß gegeben hat, dass diese Dinge auf ein Thema hinweisen, äußern die Schüler spontan, was sie mit diesen Dingen assoziieren. Jeder Schüler könnte sich eine Sache nehmen und begründen, warum er diese gewählt hat. Sobald das Brainstorming zum Märchen abgeschlossen ist, wird ein typisches Volksmärchen vom Lehrer vorgelesen oder (besser) erzählt: Schneewittchen ist insofern geeignet, als dass in diesem Grimmschen Märchen sehr klare Strukturen zu finden sind. Der Inhalt des Märchens wird im gemeinsamen Gespräch geklärt.

In der zweiten Stunde wird das Grimmsche Märchen Aschenputtel gemeinsam gelesen. Hierzu könnte eine Version angefertigt werden, bei der mit verteilten Rollen gelesen wird. Auch dieses Märchen wird inhaltlich besprochen. Dann kann ein Vergleich gezogen werden zwischen den beiden Märchen, die die Schüler bis dahin gehört und gelesen haben. Die Schüler sollen sich überlegen, was ihnen auffällt. Hilfestellungen werden in Form von Fragen geliefert: Welche Personen spielen eine Rolle? Wie sind diese Personen? Wie sehen Anfang und Ende aus? etc..

Die Merkmale werden schriftlich an der Tafel festgehalten.

Der nächste Schritt in der dritten Stunde ist, dass die Schüler ein Märchen, das weniger bekannt ist (z.B. Brüderchen und Schwesterchen), nach den erarbeiteten Kriterien zu Ende schreiben sollen. Auch hier können Hilfestellungen für schwächere Schüler gegeben werden, indem mehr Vorgaben gemacht werden.

Die letzte Unterrichtseinheit bildet ein Märchenspiel, das zum kreativen Schreiben eines eigenen Märchens führen soll: Im Raum werden vier verschiedene Körbchen verteilt. In den Körbchen liegen Zettel zu vier verschiedenen Märchenbestandteilen: Figuren/Helden, Gaben, Aufgaben und Belohnungen. Die Schüler gehen herum und suchen sich auf Anweisung nacheinander eine Figur, eine Gabe, eine Aufgabe (die leicht fällt), eine Aufgabe (die schwer fällt), eine zweite Gabe und eine Belohnung aus. Danach kann darüber gesprochen werden, warum ausgerechnet dieses Stück gewählt wurde. Aus den Teilen wird ein Märchen erfunden und aufgeschrieben. Dieses Spiel lässt sich beliebig variieren, indem weniger Bestandteile genommen oder noch konkretere Anweisungen gegeben werden. Auch können kleine Gruppen gebildet werden, um ein gemeinsames Märchen aus den Teilen entstehen zu lassen.

Die entstandenen Werke werden vorgelesen und in einem klasseneigenen Märchenbuch zusammengestellt. Als unterrichtsübergreifendes Projekt könnte man eines der Märchen auch auf der Bühne spielen lassen.

4. Literatur

ABRAHAM, Ulf & Ortwin Beisbart & Gerhard Koß & Dieter Marenbach (1998): Praxis des Deutschunterrichts. Donauwörth.

BETTELHEIM, Bruno (1990): Kinder brauchen Märchen. München.

GRIMM Jakob & Wilhelm: Schneewittchen und Aschenputtel

GRUNDSCHULZEITSCHRIFT 134/2000

LÜTHI, Max (1979): Märchen. Stuttgart.

SENATOR für Schulwesen, Berufsausbildung und Sport: Vorläufiger Rahmenplan für Unterricht und Erziehung in der Berliner Schule - Fach Deutsch (Klasse 1 bis 6). Berlin.

WÜHRL, Paul-W. (1984): Das deutsche Kunstmärchen. Heidelberg.

Märchenspiel

Bestandteile in den Körbchen könnten wie folgt aussehen:

Figuren

  • ein verwunschenes (Königs-)Kind in Tiergestalt (in welcher?)

  • ein armes frommes Mädchen/ ein armer frommer Junge

  • der/die Jüngste, das/der verkannte Aschenputtel, Dummling

  • das langersehnte, wunderschöne Königskind

  • ein weiser König/ eine weise Königin

  • ein tapferer Ritter oder Königssohn/ eine tapfere Königstochter

  • ein Bursche/ ein Mädchen, der/die sich die Welt besehen will

Gaben

  • ein Kraut; wenn ich davon esse, verstehe ich die Sprache der Tiere und der Dinge

  • ein goldenes Gewand; wenn ich es überziehe, bin ich wunderschön und alle lieben mich

  • ein Zaubergürtel; wenn ich ihn trage, wird es mir nie an Mut fehlen

  • ein Zauberspiegel; der zeigt mir alle Geheimnisse der Welt und die Zukunft

  • Sieben-Meilen-Stiefel; die tragen mich schnell durch die ganze Welt

  • Eine Tarnkappe, die mich unsichtbar macht

  • Ein Töpfchen mit süßem Brei, das allen Hunger stillt

Aufgaben

  • der Kampf mit dem Drachen, der das Land verwüstet und die Prinzessin fressen will

  • der Wettstreit mit dem großen, dummen Riesen

  • das Einhorn fangen im Zauberwald

  • eine Nachtwache im Spukschloss, und ich darf weder fliehen noch einschlafen

  • drei Fragen der Zauberin; wenn ich die Antwort nicht weiß, kostet es mich den Kopf

  • Jahr und Tag leben mit dem Biest, das ein Ungeheuer ist oder vielleicht ein verwunschener Prinz/ eine Prinzessin

  • Das Bad im Teich der/s verführerischen Nixe/ Wassermanns, die/der mich in ihr/sein Reich locken und dort mit Zauber festbannen will

Belohnungen

  • eine wunderschöne Prinzessin/ ein wunderschöner Prinz

  • das halbe Königreich

  • das Wasser des Lebens

  • die Erlösung des verlorenen Kindes

  • Goldesel und Tischlein deck dich

  • Ein Leben in Zufriedenheit bis an mein seliges Ende

  • Die Rückkehr ins Elternhaus


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Journal der Gruppe 6: Schreiben zu Märchen

Unterrichtsbeispiel Klasse 4: "Die Geschichte vom bösen Hänsel, der bösen Gretel und der Hexe" von Paul Maar

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©opyright Silke Bull, Evelyn Bußmann, Corinna Kleige, Sabine Uka, Berlin, Juni 2000

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06.04.2003


 

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