Lernbereichsübergreifendes Arbeiten im vorfachlichen Unterricht


Manfred Koch / November 1999

Lernbereichsübergreifende Brandschutzerziehung unter besonderer Berücksichtigung ihrer musisch-ästhetischen Bezüge
oder
Der Lehrer als kleiner Prometheus

Brandschutzerziehung im vorfachlichen Unterricht sollte folgende Lernschritte enthalten (vgl.: Oesterreich, M.: "Brandschutz" als Inhalt in Schule, S. 8):

Diese Lernschritte sind so zu verstehen, dass sie sich in allen Klassenstufen - unter Berücksichtigung des jeweiligen Entwicklungstandes der Kinder und den Anforderungen der Rahmenpläne - im Sinne eines Spiralcurriculums wiederholen, vertiefen und erweitern.

Meine Absicht ist, im folgenden Beitrag das Thema Brandschutzerziehung im Lernbereich Sachkunde durch einige Unterrichtsideen zum Lernbereich MÄERZ zu ergänzen.

Wie Prometheus die Fackel der Erkenntnis entzündet

Die didaktische Schwerpunktsetzung des Unterrichtsinhalts "Brandschutz" innerhalb des für alle Kinder wichtigen und interessanten Phänomenkreises "Feuer" legt die Behandlung im Lernbereich Sachkunde nahe. Hier soll es in erster Linie um den sachgerechten Umgang mit Feuer gehen. So wäre zum Beispiel der Umgang mit Streichholz und Kerze ein exemplarischer Kernpunkt für den Sachunterricht, der den vorfachlichen Unterrichtsprinzipien folgend schüler- und lebensnahe Alltagserfahrungen aufgreift und zu sachgerechten Kenntnissen und Fertigkeiten des Brandschutzes weiterentwickelt. In handlungsintensiven Experimenten lassen sich sachorientierte Lernziele erreichen, die die kindliche Neugier mit den "Brandgefahren im Haus" verknüpfen (vgl.: Oesterreich, M.: Entwurf für eine Lektion in einer 3. Klasse zu "Brandgefahren im Haus").

Während im Lernbereich Sachkunde die Entwicklung von Kenntnissen und Fähigkeiten die kognitiven und die pragmatischen Aspekte im Umgang mit Feuer betont, könnte im Lernbereich MÄERZ das kindliche Interesse am Feuer breiter und ganzheitlicher angesprochen werden, ohne natürlich den Brandschutzgedanken auszublenden. Gundel Mattenklott deutet dies im Titel zu ihrem Aufsatz "Feuer - Ein Element zum Spielen und Lernen" an (siehe: Die Grundschulzeitschrift, Heft 53, S. 24 ff.). Hier werden neben der sachorientierten Beschäftigung mit dem Feuer und exemplarisch mit der Kerze auch historische, literarische und bildnerische Aspekte für den Unterricht vorgeschlagen, die dann insgesamt eine musisch-ästhetisch orientierte Unterrichtserfahrung ermöglichen, die wegen ihres immer auch praktisch experimentellen Charakters den Brandschutzgedanken einschließt bzw. voraussetzt.

Wie Prometheus das Feuer der Begierde zähmt

Für den Lernbereich Bildende Kunst gibt es einige wenige Beispiele, Feuer als bildnerisches Thema, aber auch als bildnerisches Mittel zu nutzen (siehe hierzu: K+U, Heft 192/1995).

Der Rahmenplan für den Lernbereich Bildende Kunst legt die Verbindung des Tätigkeitsbereichs Malen mit den ästhetischen Problemen der Differenzierung von Farben (z.B. Rottöne) nahe (vgl.: Oesterreich M.: "Brandschutz" als Inhalt in Schule, S. 10). Hierzu lassen sich leicht zahlreiche Themenstellungen auch im Zusammenhang mit Beispielen aus der Kunst (siehe Arcimboldi, Munch, Turner usw. in: Kirchner C./Oestrich-Winkel: Feuer in der Kunst, K+U 192, a. a. O., S 23 ff) finden. Die Grenzen dieser Lernbereichsverbindung liegen in ihrem additiven Charakter: Die ästhetische Auseinandersetzung beim Malen eines Bildes zum Thema Feuer findet nur auf einer symbolischen Ebene statt. Der überwiegende Unterrichtsschwerpunkt "Feuer und Brandschutz" bleibt im Lernbereich Sachkunde. Der Rahmenplan Bildende Kunst legt aber die unterrichtliche Beschränkung auf eine rein künstlerische Behandlung von Lerninhalten nicht nahe. Im Gegenteil: In der Formulierung der Lernziele sind Stichpunkte wie "Erscheinungsformen der Umwelt betrachten" und "in Bezug zur eigenen Lebenssituation bringen", "Bezüge zur Umwelt erweitern" usw. deutliche Hinweise darauf, den Kunstunterrichts nicht außerhalb der kindlichen Lebenswirklichkeit stehenzulassen (Genaueres zur Einbindung des Unterrichtsgegenstandes in den Rahmenplan Bildende Kunst siehe unten).

Das Feuer ist selbst ein ästhetisches Phänomen, das in allen geschichtlichen Epochen und allen Kulturkreisen einen wichtigen Standort hat. Feuerwerk, Sonnenwendfeuer, Rauch- und Brandzeichen sind nur einige Beispiele hierfür. Auch in der Schule taucht das Feuer als Bestandteil "schöner" Feierlichkeiten auf und kann z. B. im Advent oder zur Vorbereitung eines Grillfests unter Brandschutzgesichtspunkten unterrichtlich behandelt werden.

Für den musisch-ästhetischen Lernbereich interessant sind die Experimente einiger moderner Künstler mit dem Material Feuer. Im Zuge der Ausweitung des Kunstbegriffs in der modernen Kunst wenden sich einige Künstler den ästhetischen Wirkungen des Feuers direkt zu. Das Feuer wird nicht mehr nur bildnerisch dargestellt - wie etwa in den Höllenbildern des Mittelalters, den Vesuvdarstellungen des 19. Jahrhunderts oder den expressiv motivierten Darstellungen der Klassischen Moderne - sondern wird direkt als bildnerisches Mittel verwendet. Feuerbilder, Fumagen, Brandcollagen usw. sind Beispiele hierzu, die auch mit Grundschulkindern experimentell nachvollzogen werden können (vgl.: Kirchner, Oestrich-Winkel, Martin: Feuer und Flamme, in: K+U 192/1995, S. 35 ff).

Der Bezug zum sachkundlichen Vorgehen ist deutlich: Wie in den Experimenten zur Brennbarkeit unterschiedlicher Materialien (Oesterreich, M.: Entwurf für eine Lektion in einer 3. Klasse zu "Brandgefahren im Haus", S. 7) geht es auch bei einer Fumage oder einer Brandcollage um die Steuerung der Brenn- und Löschvorgänge. Brauchbare künstlerische Produkte lassen sich nur durch handlungsintensiv erworbene Sachkenntnis erzielen. Das spricht einerseits das spielerisch entdeckende Wesen der Grundschulkinder an, verlangt aber zugleich eine ernsthafte und produktorientierte Vorgehensweise, wenn brauchbare Schülerergebnisse entstehen sollen. Diese ästhetischen Aktivitäten geschehen - wie die Brandschutzerziehung intendiert - unter strenger Berücksichtigung der entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen und der Anwesenheit von Erwachsenen.

Auch im Tätigkeitsbereich des Malens und Zeichnens ist eine intensive Verbindung von Sachkenntnis und ästhetischer Auseinandersetzung mit Feuer im vorfachlichen Unterricht realisierbar. Damit ist zum Einen die bereits oben genannte inhaltliche bildnerische Umsetzung des Themas Feuer gemeint. Zum Anderen sind die beim Zeichnen und Malen verwendeten Malmittel oft selbst Produkte von natürlichen und künstlichen Oxidationsvorgängen.

Das bekannteste Beispiel ist sicherlich die Holzkohle, die noch heute einen klassischen Platz im Kunstunterricht hat oder auch von Kindern spontan im Alltag in Form von verkohlten Holzresten oder Kohlestücken zum Zeichnen verwendet wird. Holzkohle kann man mit Schülern selbst herstellen (vgl.: Mattenklott, a. a. O., S. 28) und anschließend als Zeichenwerkzeug verwenden.

Meist werden im Unterricht vorgefertigte Farben verwendet. Herkunft und Herstellungsprozess der Farben bleiben den Schülern unbekannt. Selten, z. B. bei der Verwendung von Eitempera, werden die Farbstoffe selbst zum Lerngegenstand. Ein Blick ins Lexikon verrät unter den Stichwörtern "Farbstoffe", "Erdfarben", "Mineralfarben" usw., dass viele Farben Oxide sind. So sind z. B. Eisenoxide für die Färbung von Umbra und gebrannter Sienna verantwortlich. Diese Erdfarben werden u. a. bei ihrer Herstellung zur Intensivierung ihres Farbtons gebrannt (siehe: Lexikon der Kunst I - V, Leipzig 1968). Bereits steinzeitliche Felsenmalereien haben ihren Ursprung in der Verwendung von natürlichen Oxidationsrückständen oder künstlich hergestellten Aschen.

Einfache technischen Verfahren der Farbherstellung sind sogar im Unterricht nachvollziehbar. Farbige Erdtöne finden sich in der Natur und lassen sich durch Ausschwemmen des Sandanteils, anschließendem Trocknen und Malen und eventuellem Brennen in einem Keramikofen gut als Malmittel verwenden (vgl: Gräbert, K.: Ein interessanter Primitivofen für das Brennen im Freien, Keramik-Magazin, Heft 2/1979). Auch bei der Verwendung von Glasuren, Engoben und Majolikafarben auf keramischen Erzeugnissen kann der farbintensivierende Prozess des Brennens erlebt werden. Wird der Brand einer Keramik nicht im elektrischen Brennofen, sondern in einem sogenannten Primitivofen durchgeführt (vgl.: Keramik-Magazin, 2/1979, S. 43 ff), lassen sich der Sachaspekt des Brennens und seine ästhetische Wirkung zu einem produktorientiertem Ganzen verbinden. Ist das Schulgelände geeignet, lässt sich mit Schülern im Rahmen eines Projekts ein offener Feldbrand realisieren (vgl.: Büchner, R.: Kunstunterricht in der Grundschule, S. 31 ff.). Da sich das Schulgelände in den meisten Fällen nicht für den Bau und die Verwendung eines Primitivofens eignen wird, könnte man hierfür die Möglichkeiten des Museumsdorfs Düppel in Berlin prüfen, das über einige dieser Öfen verfügt und bereits in anderen sachkundlichen Zusammenhängen mit den Schulen zusammenarbeitet.

Wie Prometheus den Schülern das Feuer bringt, ohne die Weisungen des Zeus zu verletzen

Der Berliner Rahmenplan für den Lernbereich Bildende Kunst sieht den bildnerischen Umgang mit dem Element Feuer nicht ausdrücklich vor. Das gilt jedoch auch für viele andere denkbare Themen des Unterrichts. Der Rahmenplan hält für die einzelnen Klassenstufen keinen Kanon von bildnerischen Themen bereit, an denen exemplarisch künstlerische Inhalte abgearbeitet werden sollen, sondern nennt Lernziele, die sich stets in enger Verbindung zu Kind und Umwelt befinden. Diese Lernziele beschreiben, wie sich Grundschulkinder mit der sie umgebenden ästhetischen Wirklichkeit produktiv, reflektiv und rezeptiv auseinandersetzen sollen. Das entspricht auch dem heutigen dynamischen Kunstverständnis, das sich nicht mehr einer einzigen einengenden Definition unterordnen lässt.

Die Lerninhalte des Rahmenplans gliedert sich auf drei Ebenen: Themenbereiche, Tätigkeitsbereiche und die damit verbundenen ästhetischen Probleme. Die dort aufgelisteten Themenbereiche verweisen stets auf die Lebenswelt der Kinder. Für die Klassenstufen 1 und 2 verweist das Stichwort "Personen" z. B. auf die Familie, die Freizeit usw. In der Klassenstufen 3 und 4 wird auf Beziehungen hingewiesen. Feuer und Brandschutz sind somit Themen, die sich in der "Beziehung zwischen Personen und Umwelt" ereignen. Auch die Unterpunkte des Bereichs "Wünsche und Phantasien" legen die bildnerische Auseinandersetzung mit dem Feuer nahe.

Zu den Tätigkeitsbereichen des Rahmenplans mit ihren entsprechenden ästhetischen Problemen gehören natürlich die malerischen und zeichnerischen Lerninhalte. Hier kann die oben angesprochene Farbdifferenzierung bei der Darstellung eines Feuers angesiedelt werden. Aber auch das Zeichnen mit selbst hergestellter Holzkohle, die Verwendung von mineralischen Farbpigmenten und sogar die Fumage mit ihrem etwas ungewöhnlichen Malmittel gehören in diesen Bereich.

Das Collagieren und Montieren sowie das Formen und Bauen sind die Tätigkeitsbereiche, unter denen sich die beschriebenen unmittelbaren bildnerischen Arbeitsformen wie Brandcollage oder Feuerbilder einordnen lassen. Neu ist natürlich das dekonstruktive Element des Verbrennens, das im Rahmenplan an dieser Stelle nicht ausdrücklich genannt wird. Doch es finden sich in den Aufgaben und Zielen des Kunstunterrichts an der Grundschule vielfache Hinweise auf divergierendes und kreatives Verhalten und Denken, um diese Erweiterungen zu rechtfertigen. Die Arbeit mit Ton findet sich ohnehin im Rahmenplan.

Prometheus am Ende

Der Titanensohn musste seine Tat mit unendlichen Leiden büßen. Es bleibt zu hoffen, dass uns als seinen heutigen menschlichen Nachfolger die Weitergabe des Feuers zum Segen gereicht - nicht zuletzt indem wir den "Brandschutzgedanken" gemeinsam mit der Freude am Feuer an die Menschenkinder weitergeben.

Literatur

Büchner, R.: Kunstunterricht in der Grundschule - Elementares Lernen mit Feuer, Wasser, Erde, Luft, Donauwörth 1997

Gräbert, K.: Ein interessanter Primitivofen für das Brennen im Freien, Keramik-Magazin, Heft 2/1979

Kirchner C./Oestrich-Winkel: Feuer in der Kunst, Kunst+Unterricht Heft 192

Lexikon der Kunst I - V. Leipzig 1968

Mattenklott, G.: Feuer, ein Element zum Spielen und Lernen, Die Grundschulzeitschrift, Heft 53

Oesterreich, M.: "Brandschutz" als Inhalt in Schule

Oesterreich, M.: Entwurf für eine Lektion in einer 3. Klasse zu "Brandgefahren im Haus"

Wulf, H.: Kleine Farbwarenkunde, Köln 1967

©opyright Manfred Koch, Berlin, März 2000


Manfred Koch - Fachseminarleiter für VU (Sachkunde/MÄERZ) im 2. SPS Tempelhof (L)
Benschallee 16
14163 Berlin
Tel/Fax.: 030 803 86 49
MAD-Koch@t-online.de


Unterrichtsbeispiel Lernbereich Sachkunde: "So benutzen wir Streichhölzer richtig - ohne Sauerstoff kann Feuer nicht brennen"

Sofern im Einzelfall nicht anders geregelt und soweit nicht fremde Rechte betroffen sind, ist eine Verwendung der Dokumente als Teile oder als Ganzes in gedruckter und elektronischer Form für den schulischen Bereich sowie Ausbildungszwecke gestattet, unter der Voraussetzung, dass die Quelle

"d.w.-online": http://www.dagmar.wilde.de

genannt wird und diese Anmerkungen zum Copyright beigefügt werden.

Ohne vorherige schriftliche Genehmigung durch die Verfasser/innen ist eine kommerzielle Verbreitung der auf diesem Server liegenden Dokumente ausdrücklich untersagt.

 

These pages belong to "d.w.- online": http://www.dagmar.wilde.de

Permission is hereby granted to use these documents for personal use and in courses of instruction at educational institutions provided that the articles are used in full and this copyright statement is reproduced. Permission is also given to mirror these documents on WorldWideWeb servers. Any other usage is prohibited without the written permission of the author. Please mail.

06.04.2003


nach oben

Lernbereich MÄERZ

vorfachlicher Unterricht

Forum

zur Startseite

Lernbereich Deutsch

Fachseminar VU

Unterrichtsmodelle

Willkommen

Lernbereich Sachkunde

Seminarergebnisse

Unterrichtsszenarien

Sitemap
Aktuelles Neue Medien Materialien für die Fachseminararbeit Diskussion Ein roter Faden