Hospitationsvormittag
an der
Mark-Twain-Grundschule
im Rahmen der Berliner SEMIK-Tagung
am 19. Oktober 2001

 

Mark-Twain-Grundschule, 13403 Berlin - Reinickendorf, Auguste-Viktoria-Alle 95, Ansprechpartner: Frieder Klapp


Organisatorischer Rahmen des Hospitationsvormittags

9.00 - 12.00 Uhr
Einführung in das Medienkonzept der Schule und zu bisherigen Entwicklungsschritten im Rahmen des Projekts
(Herr Schaefer, Herr Klapp)

im Anschluss: Hospitationen

a) Mini-Hospitationen in mehreren Klassen (Klassenstufen 3 - 6)

b) Mini-Fortbildungsworkshop "Bilder verfremden" (Frieder Klapp)

 


 

Hospitation in der Mark Twain Schule

Beeindruckend an der Mark-Twain-Schule ist schon das Äußere: ein vergleichsweise riesiges Gelände mit zwei großen Neubauten und in der Mitte des Geländes das gerade komplett renovierte alte Schulgebäude. Mit der Renovierung wurden Netzwerkkabel zu allen Räumen gelegt, so können nun alle Klassenräume miteinander vernetzt werden. Leider wurde diese Möglichkeit in den Neubauten nicht vorgesehen – man wundert sich über die Kurzsichtigkeit...
Das Team der Mark-Twain-Schule hält sich offenbar mit diesen Widrigkeiten wenig auf, lamentiert nicht und wartet auch nicht auf bessere Zeiten, sondern nutzt pragmatisch die jetzigen Möglichkeiten.

Wir haben uns auf exemplarische Einblicke in die Arbeit beschränkt:
In einem kleinen Differenzierungsraum unweit vom Klassenzimmer stehen drei Kisten. Davor sitzt je ein Kind der dritten Klasse, unbetreut und ganz alleine. Früher wurde wohl dieser Raum ab und zu von Eltern betreut, jetzt ist das nicht mehr nötig, denn die Drei sind ganz konzentriert bei der Arbeit und lassen sich durch unseren Besuch auch nicht stören. Sie sind beschäftigt mit der Gut-Lernsoftware und versuchen mit richtig ausgefülltem Lückentext Punkte zu sammeln. „Die Lehrerin sucht am Anfang drei Kinder aus, die zuerst an die Computer dürfen, dann geht das reihum. Wenn wir fertig sind oder keine Lust mehr haben, kommen die nächsten dran“, erklärt eine Schülerin. So oder so ähnlich wird das wohl sein, zumindest ist das Arbeiten am Computer für die drei selbstverständlich, also nichts Besonderes. Weder besondere Belohnung und schon gar nicht Strafarbeit, eben alltäglich. Und so selbstständig arbeiten die drei auch.
Im Englischunterricht kann die halbe Klasse die Computer nutzen. Dort stehen 8 Computer in einem durch Scheiben vom Sprachlabor abgetrennten schmalen Raum, bei unserem Besuch nutzt eine sechste Klasse den English coach multimedia. Paarweise arbeiten die Schülerinnen und Schüler, der Lehrer geht von Platz zu Platz und schaut über die zusammengesteckten Köpfe auf die Monitore. Die andere Hälfte der Klasse lernt auch paarweise aber ganz unelektronisch: Es wird von den Karteikarten Deutsch oder Englisch vorgelesen, das Gegenüber muss übersetzen. Auch diese Schüler arbeiten sehr selbständig im recht leeren Klassenraum und nutzen die lehrerlose Zeit tatsächlich zum Lernen, eine sehr ruhige Atmosphäre. Offenbar gibt es feste Gruppen, die abwechselnd an den Kisten arbeiten dürfen. Ein „Karten-Schüler“ meint, dass zwar das Arbeiten am Computer besser sei und mehr Spaß mache, „aber wenn man durch das Programm durch ist, wird es doch langweilig“.
Eine andere Klasse ist damit beschäftig, ihre Klassenreise in Form einer Klassenreisenzeitung nachzubereiten und zu dokumentieren. Die eigenen Texte werden mit Fotos der Reise illustriert. Im Klassenraum stehen zwei Computer, jeweils paarweise besetzt. Der Rest der Klasse kann den Computerraum nutzen. Auch hier wird an einigen Geräten paarweise gearbeitet. Die Klassenreiseberichte wurden per Hand vorgeschrieben und vom Lehrer kontrolliert, die Fehler angestrichen. Jetzt werden sie in den Computer eingegeben, bei Partnerarbeit liest der Partner vor und hilft die Fehler zu berichtigen, denn die automatische Rechtschreibhilfe ist ausgeschaltet. Der Lehrer ist zwar im Raum, aber er unterstützt recht unauffällig. Obwohl er die Möglichkeit hat auch von einem bestimmten Computer aus in alle anderen Kisten zu schauen und virtuell den Stand der Arbeit zu kontrollieren, macht er sich die „Mühe“, auf Hilfeanforderung zu den Plätzen zu gehen. Ein alleine arbeitender Schüler nutzt gerne das Gespräch mit dem Hospitanten und erklärt seine Arbeitsschritte, wo er seine Bilder findet und wie er die in den Text setzen kann. Tippen findet er „öde“ und er tut sich offensichtlich auch sehr schwer damit. Allerdings ist es für ihn in Ordnung, die Texte vorher per Hand zu schreiben, „dann kann sie der Lehrer kontrollieren und sagen, was falsch ist, bevor man die Zeitung macht“. Von außen betrachtet stellt sich schon die Frage, ob das direkte Eintippen der Texte, also auch schon das Entwickeln der Texte am Computer nicht nur Arbeitsschritte spart, sondern auch systematischer in die Computerarbeit einführt.

Parallel zu dieser Hospitation wurde in einer anderen Klasse die Berlin-Wahl 2001 um 2 Tage vorgezogen, die Schüler konnten ihre Stimme abgeben. Die Stimmen wurden ausgezählt und das Ergebnis ausgewertet, natürlich ganz professionell per Kuchendiagramm.
Zum Schluss stellt Herr Klapp, der „Macher“ der Mark-Twain-Schule, die jüngsten Projektergebnisse vor. Besonders bemerkenswert ist das „Playback-Projekt“: Zwei Klassen hatten die Möglichkeit, ihre Lieblingssongs und die ihrer Eltern mitzubringen, diese einzustudieren, eine Bühnen-Choreographie zu entwickeln und einzuüben und dazu als Bühnenbild ein Plakat zu entwickeln. Auf einer öffentlichen Veranstaltung wurden die Künstler live auf die Bühne gebracht, jeweils das passende Plakat als Bühnenbild per Beam projiziert, eine Live-Kamera übertrug ihr Bild auf eine zweite Projektionsleinwand und alles zusammen wurde per Video aufgezeichnet. Diese Aufzeichnungen hat Herr Klapp inzwischen bearbeitet und verlinkt und sie in der Projektdokumentation direkt abrufbar gemacht. Dass so ein Medienprojekt alle Beteiligten herausfordert, Stress produziert, motiviert und alle zu Glanzleistungen trägt ist deutlich zu sehen. Ein best practice-Beispiel für umfassende Medienarbeit und zur Nachahmung empfohlen – allerdings mit großen Aufwand verbunden, der sich übrigens noch beliebig vergrößern lässt.
Seit kurzem bastelt Herr Klapp auf der Schulhomepage neben aktuellen Infos zur Schule und der Vorstellung von abgeschlossenen Projekten auch Themenseiten, Rätsel und andere unterhaltsame und lehrreiche Angebote. Man merkt, dass ihn die Begeisterung durch die Überstunden, Wochenenden und Nachtarbeit trägt. Nur so kann man die Möglichkeiten der neuen Medien erkunden, ausprobieren, nutzen und Ideen für unterrichtliche Anwendungen und Projektarbeit entwickeln. Seine Begeisterung scheint einige Kolleginnen und Kollegen mitzuziehen. Noch ist er der Einzige, der so umfassend und intensiv die Möglichkeiten der Neuen Medien im Schulalltag nutzen kann. Natürlich dürfen noch mehr und intensiver in die Arbeit einsteigen und vielleicht gelingt es, im Kollegium die gleiche Selbstverständlichkeit und Selbständigkeit zu entwickeln, wie sie bei den Schülerinnen und Schülern schon zu sehen ist.

Michael Vallendor, Hamburg

Einblicke