Förderung von Kindern mit besonderen Begabungen in der Berliner Grundschule

Das Berliner Schulgesetz sieht in § 4 Abs. 3 die Förderung von "besonders begabten Schülerinnen und Schülern" vor; die Grundschulverordnung führt in § 14 Abs 1 und 2 Grundsätze des Forderns und Förderns aller Kinder durch die Bereitstellung individueller Lernangebote aus imd in § 18 Regelungen zur Förderung von Kindern mit besonderen Begabungen und hohen kognitiven Fähigkeiten. Im Konzept "Angebote und Maßnahmen zur Förderung besonders begabter und kognitiv hochbegabter Schülerinnen und Schüler in der Berliner Schule" sind Maßnahmen aufgezeigt, die für Kinder mit besonderen Begabungen zur Verfügung stehen.
Aus den gesetzlichen Regelungen können Eltern den Anspruch individueller Förderung für ihr Kind somit ableiten - gleichermaßen für ein Kind mit Lernschwierigkeiten wie für ein Kind mit besonderen Begabungen. Die Entscheidung darüber, in welcher Form und mit welchen Methoden diese Förderung erfolgt - ob im Rahmen der Binnendifferenzierung im Unterricht, ob über äußere Differenzierung, parallel oder ergänzend zum Unterricht, ob klassenintern, klassenübergreifend oder jahrgangsstufenübergreifend -, das liegt in der pädagogischen Verantwortung der Schule (GsVO § 14 (6). Die inhaltliche Ausgestaltung der individuellen Förderpläne ist Aufgabe der Lehrkraft (auf Grundlage der Lernausgangslage, der Rahmenlehrpläne und der schulinternen Curricula).

Jedes Kind hat einen Anspruch auf individuelle Förderung

Die Grundschule ist eine Schule für alle Kinder, in der jedes Kind entsprechend seinen Begabungen und Lernmöglichkeiten gefördert und gefordert werden soll. Individuelle Förderung bedeutet Förderung aller Begabungen. Besonderer Förderung durch differenzierte Lernangebote bedürfen demzufolge nicht allein Kinder mit Lernschwierigkeiten.
Kinder mit besonderen Begabungen und hohen kognitiven Fähigkeiten haben ein Recht, in der Grundschule herausfordernde Lernangebote zu erhalten, die ihren Fähigkeiten entsprechen und ihre Begabungen zur Entfaltung bringen und zielgerichtet weiter entwickeln. Hierfür gibt es - ergänzend zum binnendifferenzierten Unterricht - in der Grundschule Förderstunden, gleichfalls können Stunden aus dem Teilungsstundenpool für zusätzliche Fördermaßnahmen verwendet werden.

Individuelle Förderung in der flexiblen Schulanfangsphase


Seit dem Schuljahr 2005/06 haben besonders begabte Kinderdie Möglichkeit, die flexible Schulanfangsphase in nur einem Jahr zu durchlaufen, in den Jahrgangsstufen 3 bis 6 in bis zu zwei Fächern am Unterricht in einer höheren Jahrgangsstufe teilzunehmen oder vorzeitig in eine nächsthöhere Jahrgangsstufe aufzurücken. Da nach einem Schuljahr stets mehrere Kinder regulär oder auch frühzeitig aus der Schulanfangsphase in die Jahrgangsstufe 3 wechseln, eröffnet sich für Hochbegabte die Chance, dass vertraute soziale Kontakte erhalten bleiben. Emotionale Belastungen, die beim Überspringen einer Jahrgangsstufe durch ein Eintreten in ein unvertrautes Klassenumfeld zu bewaltigen waren, entfallen zukünftig.

Individuelle Förderung: Ansetzen an der Lernausgangslage

Um am Kompetenzstand jedes Kindes ansetzend Lernpläne für Kinder mit Lernschwierigkeiten ebenso wie für Kinder mit besonderen Begabungen zu erstellen, müssen Lehrkräfte die individuelle Lernausgangslage jedes Kindes ermitteln. Als Instrumente stehen u. a. die Lernausgangslage Berlin - LauBe und die Lerndokumentation Sprache, die vom LISUM Berlin entwickelt wurde, zur Verfügung.

Sie ermöglichen natürlich auch für Kinder mit besonderen Begabungen eine gezielte Beobachtung und Dokumentation ihrer Lernausgangslagen, auf deren Grundlage nächste Lehr-Lernschritte geplant werden. Die Erhebung der Lernausgangslage und die individuelle Förderung in der flexiblen Schulanfangsphase folgen einem kompetenzorientierten Verständnis von Lehren und Lernen in der Grundschule. Das zentrale Ziel schulischer Förderung besteht darin, jedes Kind bei seinem Können abzuholen und seine Potenziale aufzuschließen, indem nächste Lernschritte für das einzelne Kind und Lehr-Lern-Settings für die Gruppe passgerecht konzipiert werden.

Im Rahmen der Erfassung der Lernausgangslage zum Beginn der Schulanfangsphase ist zu erwarten, dass Lehrerinnen und Lehrer Kinder mit besonderen Begabungen frühzeitig identifizieren. Ein zentrales Prinzip der Schulanfangsphase besteht in der individuellen Förderung jedes Kindes, somit sind Lernangebote so passgerecht zu gestalten, dass sie Kindern mit besonderen Begabungen ebenso wie Kindern mit besonderen Lernbeeinträchtigungen gerecht werden.

Berliner Grundschulen im Netzwerk Begabungsförderung

Acht Berliner Grundschulen erhalten seit dem Schuljahr 2003/04 zusätzliche Lehrerstunden aus dem sonderpädagogischen Bereich für schulinterne Maßnahmen zur Begabungsförderung. Diese Grundschulen sind gleichfalls am Schulversuch "Regionale Begabtengruppen" der Verbünde von Grundschulen und weiterführenden Schulen beteiligt, in dem zusätzliche Angebote am Nachmittag (Enrichment) erfolgen.

Anna-Lindh-Grundschule (Mitte)
Grundschule im Grünen (Hohenschönhausen)
Erich-Kästner-Grundschule (Charlottenburg-Wilmersdorf)
Peter-Petersen-Grundschule (Neukölln)
Richard-Wagner-Grundschule (Lichtenberg)
René-Sintenis-Grundschule (Reinickendorf)
Franz-Marc-Grundschule (Reinickendorf)
Victor-Gollancz-Grundschule (Reinickendorf)

An diesen Schulen werden besonders begabte und kognitiv hochbegabte Kinder im Regelunterricht - durch individuielle Lertnangebote, die in den Schulaltag integriert sind - als auch durch ergänzende Maßnahmen gezielt gefördert. Jede dieser Schulen erprobt unter Bezug auf ihr spezifisches Schulprofil Maßnahmen äußerer und innerer Differenzierung (z. B. Enrichment-Angebote - Plus-Gruppen, individuelle Begleitung im Rahmen eines Mentoring-Programms - ebenso wie Akzeleration im Rahmen der Teilnahme am Unterricht höherer Jahrgangsstufen in einzelnen Fächern).

Die Schulen werden im Rahmen eines Unterstützungs- und Beratungssystems durch Beratungslehrer für Begabungsförderung begleitet, die die Schulen bei der Unterrichtsentwicklung, der Zusammenarbeit mit Eltern und bei der Durchführung schulinterner Fortbildungen begleiten. Ziel ist die Entwicklung regionaler Netzwerke zum Transfer von Erfahrungen und Konzepten im Bereich der individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Begabungen und hohen kognitiven Fähigkeiten in der Grundschule.

Fachpersonal mit ausgewiesener Kompetenz im Bereich der Begabungsförderung steht in jedem Bezirk für alle Grundschulen bereits zur Verfügung. Mit Unterstützung der bei der Schulpsychologie angesiedelten Fachberater für Begabungsförderung und der Sonderpädagogen wird die Beratung und Fortbildung für alle Lehrkräfte schrittweise ausgeweitet.

Weiterentwicklung des Netzwerks Begabungsförderung seit dem Schuljahr 2006/07

Seit dem Schuljahr 2006/07 wird in jedem Bezirk eine Lehrkraft als Multiplikatorin weitergebildet, die den Schulen ihres Bezirks als Ansprechpartnerin für Konzepte der Begabungsförderung zur Verfügung steht und die regionalen Netzwerke koordiniert. Das Multiplikatorengruppe wird durch eine bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport abgeordnete Lehrerin aus einer der Grundschulen, die langjährig im Netzwerk mitgewirkt haben, koordiniert. Die Fortbildung der Multiplikatorinnen erfolgt in Zusammenarbeit mit der Karg-Stiftung.

Es werden weiterhin regionale Fortbildungsangebote im Bereich der Begabungsförderung in Kooperation mit den Schulpsychologischen Beratungszentren realisiert.

 

 

 

Förderung von Kindern mit besonderen Begabungen - Eckpunkte der Diskussion (Dagmar Wilde 12/2005)

Wie werden Kinder mit besonderen Begabungen in der flexiblen Schulanfangsphase gefördert?

Konzepte und Maßnahmen zur Förderung von Kindern mit besonderen Begabungen und hohen kognitiven Fähigkeiten in der Berliner Grundschule - Schuljahr 2006/07

 

 

Informationen zur Förderung hochbegabter Kinder

Begabungsdiagnostische Beratungsstelle BRAIN - Philipps-Universität Marburg

Österreichisches Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung

Gregor Brand:Hochbegabte und hochleistende Jugendliche. Anmerkungen zurm Marburger Hochbegabtenprojekt (2001)

"Begabte Kinder fördern und fordern" - Broschüre des Bundesministeriums für Bildung und Forschung

Netzwerk Hochbegabung

Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind

KARG-Stiftung

 

Literaturhinweise

Christiani, Reinhold: Auch die leistungsstarken Kinder fördern. Frankfurt/M. 1994.

Heller, Kurt A.: Hochbegabung im Kindes- und Jugendalter. Hogrefe 2001.

Reichle, Barbara: Hochbegabte Kinder. Weinheim und Basel 2004.

Rost, Detlef H.: Hochbegabte und hochleistende Jugendliche. Waxmann 2000.

Rohrmann, Sabine u. Tim: Hochbegabte Kinder und Jugendliche. Diagnostik - Förderung - Beratung. München 2005. (Ernst Reinhardt Verlag)

Stamm, Margrit: Ziwschen Exzellenz und Versagen. Zürich / Chur 2005.

Stapf, Aida: Hochbegabte Kinder. München 2003.

Trautmann, Thomas: Einführung in die Hochbegabtenpädagogik. Baltmannsweiler 2005.

Journal für Begabtenförderung. StudienVerlag.

Literatur zur individuellen Förderung in der Grundschule

 

 

©opyright Dagmar Wilde, Berlin, April 2004

letzte Aktualisierung 02.11.2008

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