Der vorfachliche Unterricht in der Berliner Grundschule


Inhalt 

Einleitung  

I. Wo kann ich mich über die Konzeption informieren?  

II. Was ist "vorfachlicher Unterricht?"  

III. Was sind "Lernbereiche"?  

IV. Was ist "lernbereichsübergreifendes Arbeiten"?  

V. Wie organisiere ich Lernprozesse im vorfachlichen Unterricht?  

VI. Welche Konsequenzen hat die Konzeption für meinen Unterricht?  

VII. Was tun? Mögliches anstreben... 


Einleitung 

Sprechen wir über die Konzeption des vorfachlichen Unterrichts, so tauchen im Kreis von Lehrerinnen und Lehrern, Lehreranwärterinnen und Lehreranwärtern über kurz oder lang folgende Fragen auf: 

  • "Wo steht denn das?"

  • "Was ist "vorfachlicher« Unterricht?"

  • "Worin unterscheiden sich Lernbereiche von Fächern?"

  • "Was heißt 'lernbereichsübergreifendes' Arbeiten?"

  • "Wie organisiere ich das Lernen meiner Schülerinnen und Schüler im vorfachlichen Unterricht?"

  • "Welche Konsequenzen birgt die Konzeption für meine Unterrichtsgestaltung?"

Es fällt teilweise auf, daß die Konzeption auch manchen "gestandenen" Lehrerinnen und Lehrern recht wenig vertraut zu sein scheint. Dies hängt u.a. damit zusammen, daß nicht alle in der Grundschule unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen auch während ihrer Ausbildungszeit im vorfachlichen Unterricht Erfahrungen sammeln konnten. Etliche Kollegen und Kolleginnen (Lehrer/innen mit fachwissenschaftlicher Ausbildung in zwei Fächern) wurden an Oberschulen ausgebildet, unterrichten inzwischen aber in der Grundschule. 
Lehreranwärter/innen haben deshalb an ihren Ausbildungsschulen nicht zwangsläufig auch Gelegenheit zum Modellernen - dem Idealfall der Begegnung mit vorfachlichem Unterricht! 

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I. Wo kann ich mich über die Konzeption informieren? 

Eine geschlossene Darstellung der lernbereichsdidaktischen Konzeption gibt es nicht. Jedoch lassen sich das pädagogische Konzept und der didaktische Ansatz in einigen grundlegenden Aussagen zur Berliner Grundschule ablesen: 

  • Rahmenplan für Unterricht und Erziehung in der Berliner Schule, A I, Die Berliner Schule

  • Rahmenplan für Unterricht und Erziehung in der Berliner Schule, A II, Die Grundschule

  • Rahmenplan für Unterricht und Erziehung in der Berliner Schule, A VI, Vorfachlicher Unterricht

  • Rundschreiben Schul IIII Nr. 66/1990 (Bandbreitenmodell im Schuljahr 1990/91)

  • Rundschreiben Schul IIII Nr. 112/1991 (Bandbreitenmodell im Schuljahr 1991/92)

  • Grundschulordnung

  • Vorläufiger Rahmenplan für Unterricht und Erziehung in der Berliner Schule, Grundschule, Deutsch Klasse 1-6

  • Vorläufiger Rahmenplan für Unterricht und Erziehung in der Berliner Schule, Grundschule, Vorfachlicher Unterricht, Sachkunde

Darüber hinaus gibt es eine wachsende Zahl von Veröffentlichungen zum "integrierenden", "integrativen", "lernbereichsübergreifenden" Unterricht, welche den Gedanken des vorfachlichen Unterrichts vermitteln. 

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II. Was ist "vorfachlicher Unterricht?" 

Vorfachlicher Unterricht der Klassenstufen 1 - 4 gliedert sich in die Lernbereiche Deutsch, Sachkunde, Mathematik, Bildende Kunst, Sport und Musik. Durch den Fachunterricht der Klassenstufen 5 - 6 wird er in der Grundschule aufgegriffen und weitergeführt. 

Die besonderen Merkmale des vorfachlichen Unterrichts begründen sich 
- aus der Situation des Überganges der Kinder in die Schule, 

- aus dem alterstypischen Lernen und Lernverhalten der Kinder, 

- aus der Aufgabe der Grundschule, ein Fundament an Wissen und Können für alle Kinder zu vermitteln. 

Kinder sollten mit dem Eintritt in die Grundschule den Übergang vom eher selbstbestimmten, zufälligen Lernen zum eher fremdbestimmten, planvollen Lernen fließend vollziehen können. 
Ein Unterricht, der die Aufgabe hat, Kindern grundlegende Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse zu vermitteln, muß sich an den Erfahrungen, Lebensbedingungen und Lerngesetzmäßigkeiten dieser Kinder orientieren. Die Kinder müssen sich selbst, ihre Umwelt, ihre Erlebnisse und ihre Fragen in schulischen Lernprozessen wiederfinden. Sie müssen ihre Erfahrungen in planmäßigen Lernprozessen vertiefen und weiterentwickeln und neue Erfahrungen erwerben können. 

Die Unterrichtsorganisation und -gestaltung orientiert sich - entsprechend der kindlichen Entwicklung im Grundschulalter - an der jeweiligen Altersstufe und am individuellen Lernentwicklungsstand der Kinder. Sie knüpft an vorschulische Erfahrungen an, ordnet diese und führt sie zum systematischen Lernen weiter. Individuelle Erfahrungen sind nicht allein Ausgangspunkt vorfachlicher Lernprozesse, sondern in den gesamten Unterricht einbezogen. 

Vorfachlicher Unterricht orientiert sich an den Disziplinen der Fachwissenschaften 
- gleichzeitig aber an den Lernbedürfnissen und dem Lernentwicklungsstand 

sowie am Erfahrungshintergrund der Kinder. 

Das bedeutet, die Unterrichtsinhalte müssen dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechen. Jedoch darf Wissenschaftorientierung nicht im Sinne einer Übernahme von Fachstrukturen universitärer Disziplinen in den Unterricht interpretiert werden. Fachspezifische Sichtweisen und Lehrgänge würden das kindliche Erleben von Welt künstlich zergliedern. Sie würden den Erfahrungen und Lernmöglichkeiten der Kinder nicht gerecht werden. 

Das bedeutet, die Unterrichtsinhalte müssen dem kindlichen Erleben von Welt entsprechen. (Der Begriff der Lebenswelt - zentrale Kategorie schulischen Handelns heute - wird damit zur zentralen Kategorie vorfachlichen Unterrichts.) Dabei darf Kindorientierung nicht im Sinne kindertümelnder Verkürzungen bzw. sachlich-fachlich verfälschender Vermittlungsverfahren interpretiert werden: Immer ist auf eine lernzielorientierte Planung zu achten, um die sachstrukturelle Enfaltungslogik der Inhalte nicht zu vernachlässigen. 

Vorfachlicher Unterricht strebt damit also eine Überwindung des revisionsbedürftigen ('kindgemäßen') Gesamtunterrichts und des propädeutischen ('wissenschaftsorientierten') Fachunterrichts an. 

Wege und Aufgaben der Fachwissenschaften dürfen vorfachliches Lernen nicht dominieren - gleichzeitig dürfen allerdings auch kindgerechte Vermittlungsverfahren den fachwissenschaftlichen Inhalten und Verfahrensweisen nicht widersprechen. 

Zusammenfassung: 

Vorfachlicher Unterricht steht in einem wechselseitigen Spannungsverhältnis von Kind - Umwelt - Wissenschaften - Gesellschaft. Vorfachlicher Unterricht orientiert sich 
- am Kind und seiner Lebenswelt 

- an den Erkenntnissen und Ansprüchen der Fachwissenschaften 

- an den Ansprüchen der weiterführenden Schulen und der Gesellschaft 

Dabei darf 
- einerseits zugunsten eines kindgerechten Vermittlungsverfahrens nicht auf eine fach- und sachgerechte Vermittlung der Inhalte verzichtet werden, 

- andererseits zugunsten der fachgerechten Vermittlung nicht auf die Berücksichtigung der kindlichen Erfahrungswelt und der Lerngesetzmäßigkeiten der Altersstufe verzichtet werden. 

Vorfachlicher Unterricht leistet den Übergang 
• vom mehr spielerischen Lernen der vorschulischen Kindheit, 

• über den grundlegenden Anfangsunterricht der Klassenstufe 1/2, 

• zur systematischeren Durchdringung der kindlichen Erfahrungswelt in den Klassen 3 und 4, 

• zum Fachunterricht der Klassen 5 und 6, dem er ein Fundament an Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten liefert.

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III. Was sind "Lernbereiche"? 

Vorfachlicher Unterricht ist kein Unterricht jenseits aller Fächerung. Bei den Lernbereichen handelt es sich um Bereichsbildungen, die der Strukturierung des Unterrichts dienen. Diese sind keine fächerunabhängigen Inhaltsbereiche, aber auch keine »Vor-Fächer«.. Sie sind auch keine Inhaltsbereiche, die isoliert voneinander stehen. Lernbereiche sind vielmehr gleichermaßen an der Erfahrungswelt der Kinder wie an den Erkenntnissen der Fachwissenschaften orientiert. 

»Die Lernbereiche des VU sind inhaltlich abgrenzbare Bereiche des Unterrichts - die sich jedoch nicht aus dem Gesamt des entsprechenden Fachs, sondern vielmehr aus dem Gesamt der Erfahrungswelt der Schüler herleiten lassen« (Rahmenplan, B II 1) 

Für die didaktische Grundkonzeption des vorfachlichen Unterrichts ist die Forderung nach einer sinnvollen (d.h. kind- und sachgerechten) Verbindung unterschiedlicher Lerninhalte eines Lernbereichs bzw. unterschiedlicher Lernbereiche miteinander kennzeichnend. 

Die Lernbereiche sind zwar eigenständig in der Stundentafel verankert, die Möglichkeit einer flexiblen Handhabung ihrer zeitlichen Gewichtung wird dabei jedoch explizit betont. In den Rahmenplänen stellen sich die Lernbereiche zwar eigenständig dar, die Forderung nach einer kind- und sachgerechten Vernetzung unterschiedlicher Lernbereiche wird jedoch explizit betont. Denn Kinder erleben in ihrem Alltag stets Zusammenhänge (denkend, sprechend und handelnd). Sie nehmen ihre Lebensbezüge nicht »aufgefächert« wahr. 

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IV. Was ist "lernbereichsübergreifendes Arbeiten"? 

Es gilt, die sprachlichen, sachlichen, mathematischen sowie musisch-ästhetischen Aspekte, die einem Lerngegenstand eigen sind, nicht künstlich auf einen Betrachtungsaspekt hin zu isolieren. Eine künstliche (fachorientierte) Verengung der Aspektvielfalt widerspricht dem didaktischen Prinzip vorfachlichen Unterrichts. 
(Die Auffächerung der Lebensbezüge sollte wenigstens in der Grundschule immer 

wieder reduziert werden.) Inhalte, welche mehrere fachliche Sichtweisen berühren, sind ohne künstliche Ausklammerung einzelner dieser Sichtweisen zu erarbeiten. 

Diese Verbindung unterschiedlichere Sichtweisen kann sowohl in einer Verbindung von Inhalten eines Lernbereichs als auch in der Verbindung von Inhalten verschiedener Lernbereiche erfolgen. 

Beispiele: 

  • Planmäßige Behandlung der Längenmessung, des Umganges mit Tabellen, der zeichnerischen Darstellungsformen bei der Erkundung der Wohnumgebung.

  • Informationsentnahme aus Sachtexten, »Lesen mit dem Bleistift«, Umgang mit dem Wörterbuch, Anfertigen von Stichpunkten, Verfassen informierender Texte, Erproben von Collagetechniken und grafischen Gestaltungsmöglichkeiten bei der Herstellung einer Wandzeitung/eines Buches über Haustierhaltung.

  • Sinnerschließendes Lesen, gestaltendes Vorlesen, Verfassen eigener Texte, Planen und Durchführen von Interviews, Auseinandersetzung mit medial vermittelten Texten, Erweiterung des Schreibwortschatzes, Untersuchen von Satzbaumustern im Zuge der Beschäftigung mit einem Kinderbuch und seiner Autorin.

Lernbereichsübergreifendes Arbeiten ist realisierbar, wenn: 

  • die Lehrerin/der Lehrer möglichst viele Lernbereiche in der Klasse unterrichtet oder mit den Lehrerinnen und Lehrern bereits ausgegliederter Lernbereiche eng kooperiert,

  • die Lehrerin/der Lehrer die Chancen des flexiblen Zeitrahmens - nämlich den flexiblen Umgang mit dem 45-Minuten-Takt sowie die flexible Organisation des Wochenstundenumfanges einzelner Lernbereiche - wahrnimmt und aufgreift,

  • die Lehrerin/der Lehrer Inhalte und Ziele verschiedener Lernbereiche bewußt in alle Planungsüberlegungen einbezieht.

"Die für die einzelnen Lernbereiche innerhalb des vorfachlichen Unterrichts angegebenen Wochenstundenzahlen sind Richtwerte für die einzelnen Lernbereiche innerhalb eines Schuljahres." (Grundschulordnung)

"Ein flexibler Umgang mit dem '45-Minuten-Takt' bietet sich insbesondere im vorfachlichen Unterricht an." (Rundschreiben 66/1990) 

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V. Wie organisiere ich Lernprozesse im vorfachlichen Unterricht? 

Die entwicklungspsychologische Situation der Kinder, ihr Erleben und Auffassen erfordern es, Lerninhalte verbunden und nicht isoliert darzubieten. Die künstliche verengte Aspekthaftigkeit einer fachlichen Zugriffsweise auf die Lerninhalte, eine fachsystematische Gliederung widerspräche dem kindlichen Erleben und Betrachten der Umwelt. Vorfachlicher Unterricht geht von kindgemäßen Situationen, von für Kinder erfahrbaren Wirklichkeitsausschnitten aus, in denen Phänomene zu betrachten sind, welche die isolierte Sichtweise nur einer Bezugswisssenschaft sprengen würden. Vorfachlicher Unterricht berücksichtigt die Lebenssituation und die Lernvoraussetzungen der Kinder (dieser Kinder, dieser Lerngruppe), weshalb Lernen für sie einsichtig und sinnvoll wird. (Bei Lerninhalten, die an die Erfahrungen und Kenntnisse der Kinder anknüpfen und die im vorfachlichen Unterricht ausdifferenziert und strukturiert werden sollen, ist eine - zunehmende - Beteiligung der Lernenden an der Planung vorzunehmen.) 

Einschränkend gilt:

  • Es ist stets nur eine sinnvolle Vernetzung von Lernbereiche herbeizuführen. 

  • Die sachgerechte Vermittlung der Lerninhalte ist konstitutives Merkmal des Unterrichts. 

Lerngegenstände sind - unter Beachtung ihrer sachimmanenten Struktur - stets planvoll und zielorientiert aufzubereiten. Lernprozesse müssen - auch in Teilzielen - nicht nur kindgerecht, sondern stets auch sachgerecht konzipiert sein. 

Typische Elemente der Lernorganisation im vorfachlichen Unterricht sind: 

  • Hinführung zum Lerngegenstand unter Berücksichtigung der Erfahrungswelt, des Vorwissens der Kinder.

  • Begegnung mit dem Lerngegenstand unter Berücksichtigung der emotionalen Dimension (Staunen, Schön-Finden, Begehen von »Nebenstraßen«...) und der sachstrukturellen Entfaltungslogik der Inhalte.

  • Arbeit mit Medien unterschiedlicher Abstraktionsstufen.

  • Selbständige Erschließung bzw. Erkenntnisgewinnung, handelndes bzw. entdeckendes Lernen.

  • Didaktische Rhythmisierung durch Methodenwechsel und motorische Entlastung.

  • Einführung und Anwendung elementarer Arbeitsverfahren und -techniken (Betrachten, Beobachten, Vergleichen, zuhören, Gespräche führen, Abschreiben, Exzerpieren, Tabellen lesen, auswerten, anfertigen u.a.).

  • Planvolles Üben, Wiederholen und Anwenden elementarer Inhalte und Arbeitsverfahren.

  • Lernen und Arbeiten in kooperativen Handlungsvollzügen

Einbeziehung von Verfahren der Binnendifferenzierung und Individualisierung (in methodischer, qualitativer und quantitativer Hinsicht).

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VI. Welche Konsequenzen hat die Konzeption für meinen Unterricht? 

Die Lernbereiche des vorfachlichen Unterrichts unterscheiden sich durch die Nachrangigkeit des Fachlichen prinzipiell und deutlich vom Fachunterricht. 

1. Sachkundeunterricht ist kein Fachunterricht

"Die Sachkunde ist mit dem Lernbereich Deutsch wechselseitig verknüpft: Sachkundliche Inhalte lassen sich nicht ohne sprachliche Kompetenz erschließen, ebenso ist Sprachhandeln ohne konkrete Sacherfahrung nicht möglich." (Vorläufiger Rahmenplan Vorfachlicher Unterricht, Sachkunde, S. 3) 

2. Deutschunterricht ist kein Fachunterricht

"Die Aufgaben des Deutschunterrichts müssen von allen Lernbereichen und Fächern aufgenommen und ergänzt werden; (...). Eine besonders enge wechselseitige Verknüpfung findet zwischen den Inhalten der Sachkunde und dem Deutschunterricht statt." (Vorläufiger Rahmenplan Deutsch, S. 1) 

"Ziele und Aufgaben der Teilgebiete (des Deutschunterrichts) sind wechselseitig aufeinander bezogen. Darum darf der Unterricht, der dem Prinzip des verbundenen Sprachunterrichts folgt, die Teilgebiete nicht isoliert behandeln. Aufgabe des Lehrers ist es, in eigener Verantwortung Unterrichtseinheiten so zu planen, daß eine Verknüpfung der Teilgebiete hergestellt wird." (Vorläufiger Rahmenplan Deutsch, S. 6) 

Insbesondere die Lernbereiche Deutsch und Sachkunde sind zwingend aufeinander bezogen und miteinander verbunden: Lerninhalte und Lernziele der Teilbereiche des Deutschunterrichts (Mündlicher Sprachgebrauch, Lesen, Rechtschreiben, Texte Verfassen, Sprachbetrachtung) sind zielorientiert in die sachkundlichen Lern- und Arbeitsvorhaben zu integrieren. Lerninhalte und Lernziele der Sachkunde sind planmäßig in Sprachlernprozesse zu integrieren. 

Zentrale Aufgabe der Unterrichtsplanung im vorfachlichen Unterricht ist damit also die sinnvolle (kind- und sachgerechte) Verbindung von Inhalten und Zielen verschiedener Lernbereiche. Dabei sind die Lernbereiche Deutsch und Sachkunde als Kernbereich des vorfachlichen Unterrichts zu verstehen. Diese Verbindung sollte ohne sachliche »Verbiegungen«, ohne zwanghafte und künstliche Vernetzungen hergestellt werden. Die sachstrukturellen Besonderheiten, die Erfahrungswelt und die Lerngesetzmäßigkeiten der Kinder gilt es zu beachten. 
Auf einen planvoll aufgebauten, lehrgangsmäßigen Unterricht innerhalb einzelner Teilbereiche (»lehrgangsorientierte Schleifen«) kann darüber hinaus zeitweise nicht verzichtet werden. 

Insbesondere für den Sachkundeunterricht ist zu berücksichtigen, daß Sachverhalte erst mit Hilfe von Sprachhandeln in ihrer Komplexität erfaßt und begrifflich entwickelt werden. Dieses Sprachhandeln gilt es - in Orientierung an den Inhalten und Zielen des Lernbereichs Deutsch - planmäßig zu thematisieren und zu erweitern. 

3. Vorfachlicher Unterricht ist differenzierender und individualisierender Unterricht 

Vorfachlicher Unterricht hat die Aufgabe, Kindern grundlegende Fähigkeiten und Kenntnisse so zu vermitteln, daß sie ihren Erfahrungen und Lebensbedingungen angemessen sind. 
Er muß daher durch individualisierende und differenzierende Formen des Lernens charakterisiert sein. 

»Grundschule orientiert sich an den zunehmend unterschiedlichen Sozialisationsbedingungen der Kinder und hat deshalb durch vielfältige Differenzierung und Individualisierung auf die individuellen Verhaltensweisen, Lernfähigkeiten und Lernbedürfnisse des einzelnen Kindes einzugehen.« 
(Rundschreiben Schul III, Nr. 66/1990) 

Im Unterricht der Grundschule sollten Kinder sich selbst, ihre Umwelt, ihre Erlebnisse, ihre Erfahrungen und ihre Fragen wiederfinden und erweitern können. Sie sollten Ich-Identität und Ich-Autonomie ebenso wie Sozial- und Sachkompetenz ausbilden bzw. erweitern. Sie sollten grundlegende Fähigkeiten und Kenntnisse erwerben, das Zusammenleben erproben und das Lernen lernen. 

»Ein handlungs- und erlebnisorientierter Unterricht bietet Möglichkeiten zum entdeckenden, selbstgesteuerten Lernen und Handeln sowie zum verbundenen Sprach- und Sachlernen, wobei auch geöffnete und kooperative Formen diesen Unterricht unterstützen.« (Rundschreiben Schul III, 66/1990) 

Der Weg, welcher zum Entstehen einer Erkenntnis führt, ist ebenso wichtig zu nehmen wie die Erkenntnis selbst: Ohne Fundament ist jeder Verstehensprozeß gefährdet. (Frühes Einprägen abstrakter Begriffe (sinnleerer Worte) ist deshalb insbesondere im Sachkundeunterricht zu vermeiden. 

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VII. Was tun? Mögliches anstreben...

Unterrichtskonzepte geben stets Idealvorstellungen wieder. Im Schulalltag fließen diverse Faktoren ein, die idealtypische Konstellationen beeinträchtigen, wenn nicht gar behindern. Nichtsdestotrotz sollten sie als Handlungsaufgaben und -ziele vor Augen sein! Die Vorgaben des Stundenplans (wie auch des Ausbildungsunterrichts) und des schulischen Organisationsrahmens engen die Gestaltungsmöglichkeiten im Schulalltag zwar mitunter ein (Teilungsstunden, Turnhallenbelegung, Teilzeitkräfte, Pausenklingel) - sie machen eine Berücksichtigung der Prinzipien vorfachlichen Unterrichts aber keinesfalls unmöglich. 
Im vorfachlichen Unterricht sollten möglichst wenige Lehrer/innen in der jeweiligen Klasse eingesetzt sein, um eine so eine Verbindung vieler - zumindest aber einzelner - Lernbereiche zu gewährleisten. 

Leitlinie für die Stundenverteilung sollte sein: 
- möglichst hoch angesetzter Klassenlehrer/innenŠStundenanteil, 

- möglichst keine Ausgliederung des Lernbereichs Sachkunde 

- möglichst enge Kooperation der unterrichtenden Lehrer/innen 

Also 

Lesen und »denken« Sie die Inhaltsbereiche und Ziele der Rahmenpläne Deutsch und Sachkunde für ihre Klassenstufe immer parallel! 
Die Unterrichtskonzeption setzt zwingend voraus, daß Lehrer/innen sich sensibel und mit den Lernbedürfnissen der Kinder sowie planmäßig mit der Sachstruktur der Lerngegenstände auseinandersetzen. Dazu müssen sie ihre fachliche, lernbereichsdidaktische und pädagogische Kompetenz konsequent erweitern. 

Stellen Sie Verbindungen her, wo immer diese den Kindern einsichtig, vom Lerngegenstand betrachtet sachstrukturell logisch und nicht verfälschend sind oder krampfhaft wirken! 
Kinder brauchen Lehrer/innen, die sie durch die Sache herausfordern, die ihnen bei der aktiven Auseinandersetzung mit Sachverhalten, Phänomenen und Problemen (z.B. beim Rechtschreiblernen im Verlauf eines Zeitungsprojektes zur Geschichte der Schule...) unterstützend zur Seite stehen. 

Kinder brauchen Lehrer/innen, die ein Lernen im Sinne von Erfahrungen machen, Staunen, Fragen, Untersuchen, Probieren ermöglichen und anstoßen.,die ein solches Lernen unterstützend und weiterführend begleiten, indem sie Verstehensprozesse ermöglichen, Verbindungen und Vergleiche aufzeigen.

  • Wenn Sie Ihre Klasse betreten, dann haben Ihre Kinder nicht "Deutsch" oder "Sachkunde", sondern "VU". (Zumindest also "Deutsch/Sachkunde", wenn nicht "Deutsch/Sachkunde/Mathematik/Bildende Kunst")

  • In den Klassen 1 - 4 existieren keine "Fächer" - trotzdem sprechen Lehrer/innen noch häufig vom "Fach Sachkunde", und sie denken auch entsprechend! 
    Das hat zur Folge, daß die Kinder entsprechend denken und sich entsprechend verhalten ("Jetzt haben wir gar kein Deutsch, wieso müssen wir auf die Rechtschreibung achten...?" "Mathematik hatten wir heute schon...!")

  • Der 45-Minuten-Takt ist keine verbindliche Größe: Hier liegt oft noch ein völlig falsches Verständnis von der didaktischen Rhythmisierung des Unterrichtsvormittages bzw. der Schulstunde vor! Kindliche Lernbedürfnisse (Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeitsradius, Motivation, Spannung) legen oft kürzere - häufig aber auch längere - Phasen als den 45-Minuten-Takt nahe.


  • Dagmar Wilde 1992 • überarbeitete Fassung 1998


 

 

©opyright Dagmar Wilde, Berlin, April 2001

letzte Aktualisierung 13.11.2006

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