Vorfachlicher Unterricht in der Berliner Grundschule - Informationen zur Konzeption

Vorbemerkung

Zusammenfassung

Die Lernbereiche und der vorfachliche Unterricht

Quellenangaben zum vorfachlichen Unterricht und zu den Lernbereichen


Prof. Ingeborg Waldschmidt (FU Berlin)
Dagmar Wilde (Hauptamtliche Fachseminarleiterin für vorfachlichen Unterricht ( LSA Berlin)

Berlin, Januar 1999

Der vorfachliche Unterricht

Vorbemerkung

In der sechsjährigen Berliner Grundschule gilt für die Klassenstufen 1-4 verbindlich das Konzept des vorfachlichen Unterrichts: "Die Organisation des Unterrichts erfolgt nach den Grundsätzen des vorfachlichen Unterrichts. Im vorfachlichen Unterricht sind unterschiedliche Inhalte verbunden. Ein projekt- und handlungsorientierter Unterricht ist anzustreben, soweit dies sinnvoll ist und einer sachgerechten Behandlung nicht entgegensteht." (Rahmenpläne für die Berliner Grundschule, Teil A)

1958 definierte der Bildungsplan für die Berliner Grundschule den Unterricht in den Klassen 1-4 als "Gesamtunterricht", den Unterricht der Klassen 5/6 als "Fachunterricht mit gesamtunterrichtlicher Prägung". Gesamtunterrichtliche Unterrichtskonzeptionen hielten gesellschaftlichen Entwicklungen, wirtschaftlichen Anforderungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht stand: In Abgrenzung vom tradierten Gesamtunterricht sprechen wir seit 1968 nunmehr von vorfachlichem Unterricht, der in Lernbereichen organisiert ist.
Den Begriff "vorfachlicher Unterricht" findet man nur im Berliner Schulsystem für den Unterricht der Klassenstufen 1-4. Die Rahmenpläne der anderen Bundesländer verwenden diesen Terminus nicht. Auch in der Fachliteratur taucht dieser Begriff nicht auf, vielmehr findet sich i. A. die Bezeichnung Primarstufenunterricht.

Der vorfachliche Unterricht umfaßt die Lernbereiche Deutsch, Sachkunde, Mathematik, Bildende Kunst, Sport und Musik in den Klassenstufen 1-4. Im Anschluss mündet der Berliner Grundschulunterricht für die Klassenstufen 5 und 6 im Fachunterricht. Diese besondere unterrichtliche Konzeption wurde ab 1969 der Gestaltung der Berliner Rahmenpläne zugrunde gelegt. Sie diente der Abgrenzung vom bis dahin für die Klassen 1-4 vorherrschenden Gesamtunterricht.

Um der Unschärfe der Begrifflichkeit und der Begriffsoberflächlichkeit zu begegnen, werden hier einige Zitate und Aussagen aus den Rahmenplänen, Rundschreiben des Senators für Schulwesen und Sport (SenSJS) und der Grundschulordnung aufgeführt, die die Merkmale des vorfachlichen Unterrichts beschreiben, da es bislang keine einheitliche und verbindliche Definition gibt. (Ausführlicher Quellennachweis am Ende).

Als Legitimation des vorfachlichen Unterrichts gelten folgende lern- und entwicklungspsychologische Erkenntnisse zum Lernen im Grundschulalter:

Der vorfachliche Unterricht steht in einem wechselseitigen Spannungsverhältnis zwischen Kind-Lebenswelt-Gesellschaft und Wissenschaft. Damit ist zum einen die Erkundung der sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen eine unbedingte Notwendigkeit, um die Lernangebote auf Vorerfahrungen zu beziehen und das pädagogische Handeln auf die individuelle Förderung jedes einzelnen Kindes auszurichten. Dafür ist zum anderen solide Fachkompetenz seitens der Unterrichtenden unverzichtbar, um die Lernangebote sachgerecht aufzubereiten.
Die konzeptuellen Intentionen der Rahmenpläne für die einzelnen Lernbereiche geben nur im Ansatz (RPL Deutsch und Sachkunde) auch Hinweise auf die pädagogischen Zugriffsweisen. Die didaktisch"methodische Umsetzung des vorfachlichen Unterrichts bleibt den einzelnen Lehrer/innen und ihrer fachlichen wie pädagogischen Professionalität vorbehalten.

Grundschulunterricht soll Kinder durch Anregung und Anleitung Hilfen geben, sich zunehmend selbständig ihre Welt zu erschließen, sich zu orientieren und gestaltend einzugreifen. Diesen Anspruch können die konventionellen Unterrichtsfächer mit ihrem berechtigten vorrangigen Sachanspruch nicht befriedigend - eigentlich prinzipiell nicht - leisten. Kindliche Lernprozesse lassen sich nicht in eine fachliche Gliederung, d.h. eine artifiziell verengte Aspekthaftigkeit der Behandlung der Wirklichkeit, pressen.

Vorfachlicher Unterricht orientiert sich unbedingt auch an den Disziplinen der Fachwissenschaften, denn die Unterrichtsinhalte müssen dem (fach)wissenschaftlichen Erkenntnisstand entsprechen (Rechtschreiblernen erfolgt unter Berücksichtigung der - aktuellen - Forschungsergebnisse zum Schriftspracherwerb…). Allerdings darf Wissenschaftsorientierung nicht in dem Sinne interpretiert werden, daß die Fachstrukturen universitärer Disziplinen übernommen werden (kindliches Rechtschreiblernen orientiert sich nicht an der Struktur der Richtlinien zur Rechtschreibung, die der Duden wählt).
Einseitig fachspezifische Sichtweisen würden den Lernbedürfnissen bzw. "entwicklungsständen, den Interessen, dem Erfahrungshintergrund und dem kognitiven Entwicklungsstand von Kindern im Grundschulalter widersprechen. Dabei darf Kindorientierung aber nicht im Sinne von kindertümelnden Verkürzungen bzw. sachlich"fachlich verfälschenden Vermittlungsverfahren missverstanden werden. Kinder begegnen in ihrer Umwelt Phänomenen, deren Erschließung die Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse und fachspezifischer Verfahren erfordert. In dem Anspruch des vorfachlichen Unterrichts, eine Ausgewogenheit zwischen Kind" und Sachgemäßheit herzustellen, liegen die besonderen Anforderungen an die fachlich"didaktische Kompetenz der Unterrichtenden. Kinder zu fördern bedeutet gleichfalls, sie zu fordern! Inhalte kindgerecht aufzubereiten bedeutet nicht, sie derart zu verkürzen, dass es zu sachlichen Verbrämungen führt (Stichwort: Trivialisierung des Sachunterrichts…).

Für den vorfachlichen Unterricht wird explizit ein flexibler Zeitrahmen eröffnet:

"Die für die einzelnen Lernbereiche innerhalb des vorfachlichen Unterrichts angegebenen Wochenstundenzahlen sind Richtwerte für die einzelnen Lernbereiche innerhalb eines Schuljahres." (Grundschulordnung, S. 25.)
"Ein flexibler Umgang mit dem ’45-Minuten-Takt’ bietet sich insbesondere im vorfachlichen Unterricht an." (RdSchr. SchulSport III 66/1990)

Der 45-Minuten-Takt ist im vorfachlichen Unterricht somit keine verbindliche Größe: Hier liegt oft noch ein falsches Verständnis von der didaktischen Rhythmisierung des Unterrichtsvormittages bzw. der Schulstunde vor: Kindliche Lernbedürfnisse (Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeitsradius, Motivation, Spannung) legen oft kürzere - häufig aber auch längere - Phasen als den 45-Minuten-Takt nahe.

Mit der Konzeption des vorfachlichen Unterrichts strebte man für Berlin somit Anfang der 70er Jahre eine Überwindung des revisionsbedürftigen (einseitig "kindgemäßen") Gesamtunterrichts und des propädeutischen (einseitig "wissenschaftsorientierten") Fachunterrichts an.


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Zusammenfassung

Vorfachlicher Unterricht orientiert sich
- am Kind und seiner Lebenswelt
- an den Erkenntnissen und Ansprüchen der Fachwissenschaften
- an den Ansprüchen der weiterführenden Schule und der Gesellschaft

Dabei darf
- einerseits zugunsten eines kindgerechten Vermittlungsverfahrens nicht auf eine fach" und sachgerechte Vermittlung der Inhalte verzichtet werden,
- andererseits zugunsten der fachgerechten Vermittlung nicht auf die Berücksichtigung der kindlichen Erfahrungswelt und der Lerngesetzmäßigkeiten der Altersstufe verzichtet werden.

- Vorfachlicher Unterricht leistet den Übergang
- vom mehr spielerischen Lernen in der vorschulischen Kindheit,
- über den grundlegenden Anfangsunterricht der Klassenstufen 1 und 2,
- zur systematischen Durchdringung der kindlichen Erfahrungswelt in den Klassen 3 und 4,
- zum Fachunterricht der Klassen 5 und 6, dem er ein Fundament an Kenntnissen und Fähigkeiten und Fertigkeiten liefert.


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Die Lernbereiche und der vorfachliche Unterricht

Kennzeichnend für den vorfachlichen Unterricht ist die Gliederung in Lernbereiche, sie stehen in einem engen Wirkungszusammenhang mit dem vorfachlichen Unterricht. Mit Ausnahme des Lernbereichs Sachkunde tragen sie denselben Namen wie Fächer der Klasse 5 - dies mag Missverständnisse verursachen, aber: Entgegen der weitverbreiteten Meinung, die Lernbereiche seien Vor"Fächer bzw. sie umfassten spezifische Inhalte der Fächer, die bis zur 1. Klassenstufe vorgezogen oder herunterdekliniert wurden, sind sie vielmehr aus einem pädagogisch-anthropologischen Begründungszusammenhang abgeleitet.

"Während in den ersten Jahren der VU wenig gegliedert ist, erfolgt mit zunehmendem Lernfortschritt eine Hinführung zum gefächerten Unterricht der Klassen 5 und 6. In der gesamten Grundschulzeit ist jedoch das Zusammenwirken der Lernbereiche ein bestimmendes Merkmal des Unterrichts." (RPL, Allg. Teil, Erziehung und Unterricht in der Grundschule).

Unterrichtsfächer orientieren sich in ihren Zielsetzungen und Strukturen stärker an ihrer jeweiligen wissenschaftlichen Disziplin. Sie sind durch den jeweiligen Sachanspruch, eine fachsystematische Gliederung und fachspezifische Aspekthaftigkeit bei der Behandlung von Gegenständen der Wirklichkeit bestimmt.

Wirklichkeitserschließung überschreitet Fachgrenzen. Der Bezug auf die Erfahrungswelt des Kindes " unter dem Ziel einer sachgerechten Vermittlung der Inhalte - mündet in einem ganzheitlichen Zugriff auf Inhaltsbereiche. Das bedeutet, dass Fragestellungen und Verfahren, die nicht einem Fachaspekt zuzuordnen sind, nicht künstlich ausgeklammert, sondern einbezogen werden. Kindorientierung erfordert gleichfalls die Einbeziehung der emotionalen Dimension der Inhalte sowie Passung zu individuellen Lernvoraussetzungen. Lernbereiche orientieren sich an den komplexeren Strukturen der kindlichen Erfahrungs" und Lebenswelt. Der Zugang der Kinder gegenüber Themen orientiert sich aber eben nicht an Kategorien der Fachdisziplinen.

Orientierung am Kind - das bedeutet nun allerdings keine einseitige Verabsolutierung des Kindes als ausschließlichem Bezugspunkt des Unterrichts (hierin liegt die Abgrenzung zum Gesamtunterricht begründet - und hierin liegt wohl eine hohe Anforderung an die fachlich-didaktische Kompetenz der Lehrer/innen!).
Es geht darum, Inhalte vom Standpunkt des Kindes her zu entfalten - gleichzeitig aber auch erzieherische und gesellschaftliche sowie fachliche Ansprüche zu sehen und zu integrieren... Vor-Fachliche Unterrichtsplanung impliziert also gleichfalls fachliches Denken (nur eben nicht eindimensionale fachliches Denken).

Wie der vorfachliche Unterricht sind die einzelnen Lernbereiche am Erfahrungsbereich des Kindes, wie an den Erkenntnissen der Fachwissenschaften als auch am kindlichen Lernen ausgerichtet. Dabei wird die Ganzheitlichkeit der kindlichen Wahrnehmung und des Lernens als oberstes Prinzip gesehen. Deshalb kann es auch keine starren Lernbereichsgrenzen geben, vielmehr sind die Übergänge größtenteils fließend, sind häufig Schnittmengen zu verzeichnen. Diese sind jeweils vom Inhaltsbereich, der spezifischen Fokussierung und den situativen Bezügen (Erfahrungshintergrund der Lernenden) abhängig.

Lernbereichsübergreifendes Arbeiten ist ein zentrales Prinzip des vorfachlichen Unterrichts der Berliner Grundschule (andere Bundesländer postulieren in anderer Terminologie unter denselben Prämissen "fächerverbindendes" Lehren und Lernen). Diese Verbindung unterschiedlichere Sichtweisen kann sowohl in einer Verbindung von Inhalten eines Lernbereichs als auch in der Verbindung von Inhalten verschiedener Lernbereiche erfolgen.
Lernbereichsübergreifend und -verbindend sind z. B. per se Inhalte und Ziele des Deutschunterrichts. Lernprozessen aller Lernbereiche sind mündlicher und schriftlicher Sprachgebrauch immanent. Gleichzeitig finden Sprachhandeln und Sprachreflexion stets an Inhalten statt. Hier vernetzen sich die Lernbereiche des vorfachlichen Unterrichts sehr offensichtlich. Die Lernbereiche Deutsch und Sachkunde sind von daher in besonderer Weise aufeinander bezogen und miteinander verwoben " sie bilden den Kernbereich vorfachlichen Unterrichts. Dennoch gibt es auch innerhalb jedes Lernbereichs spezifische Lernelemente, die auch lehrgangsartig bearbeitet werden.

"Die Lernbereiche des VU sind abgrenzbare Bereiche des Unterrichts - die sich jedoch nicht aus dem Gesamt des entsprechenden Fachs, sondern vielmehr aus dem Gesamt der Erfahrungswelt der Schüler herleiten lassen." (Rahmenplan, B II " 1)

In den Rahmenplänen stellen sich die Lernbereiche zwar eigenständig dar, die Forderung nach einer kind" und sachgerechten Vernetzung unterschiedlicher Lernbereiche und einer flexiblen zeitlichen Gewichtung wird jedoch explizit betont.
Jeder Lernbereich ist zwar ein eigenständiger Bereich, berücksichtigt aber, dass das Kind seine Lebenswelt in Zusammenhängen wahrnimmt und erlebt - sprechend, denkend und handelnd - und nicht "gefächert". Inhalte und Aufgaben einzelner Lernbereiche überschneiden sich bei der Bearbeitung einzelner Themen, jedoch bleiben die jeweiligen lernbereichsdidaktischen Prinzipien und lernbereichsspezifischen Ziele konstitutiv für die unterrichtliche Bearbeitung. (Ein Gedicht, welches im Rahmen eines sachkundlichen Themas gelesen wird, ist gleichfalls als Text inhaltlich und formal - unter Berücksichtigung fachdidaktischer Prinzipien - zu erschließen, darf nicht "Beiwerk" bleiben. Ein Protokoll, das im Sachunterricht verfasst wird, ist gleichzeitig als Schreibaufgabe unter didaktischen Prinzipien des Texteverfassens zu bearbeiten. Ein Bild, das zum Gedicht gemalt wird, ist gleichfalls Anlass für eine planmäßige Erweiterung der bildnerischen Gestaltungsprinzipien und den Einsatz der jeweiligen Malmittel. Eine "Mahlzeit", die von den Kindern vorbereitet wird, bedingt das Einbeziehen mathematischer Grundbegriffe - z. B. Zahlbegriff, Mengen und Größen - und die allgemeine Begriffsbildung/Wortschatzerweiterung.)

Lernbereichsübergreifendes Arbeiten erfordert, dass Lehrer/innen möglichst viele Lernbereiche in einer Klasse unterrichten (Klassenlehrerprinzip) bzw. eng mit Lehrerinnen und Lehrern ausgegliederter Lernbereiche kooperieren.


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Quellenangaben zum vorfachlichen Unterricht und zu den Lernbereichen

Hinweise zum vorfachlichen Unterricht finden sich in grundlegenden Aussagen zum Unterricht in der Berliner Grundschule, in Präambeln der Rahmenpläne Sachkunde bzw. Deutsch in der Grundschulordnung und in Rundschreiben:

Hinweise in der Literatur:

 



©opyright Ingeborg Waldschmidt / Dagmar Wilde, Berlin, Januar 2000

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28.02.2007



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